Spuren nackter Füße im Sand, die vom Betrachter weg in dunstigen Nebel führen.
Kurzgeschichte

Der Fährmann


Du lässt den Sand durch deine Finger rinnen und beobachtest, wie er zu Boden rieselte. Die wenigen Minuten, die du hier sitzt, haben den hellen Körnchen ausgereicht, um einen Weg in deine Kleidung und dein Haar zu finden. Es ist, als hättest du den Sand angezogen. Als wären die Krümel denkende Wesen, die in dir ein Gefährt sehen, auf dem sie aus dieser verlassenen Bucht flüchten können.

Deine Augen schwebten zum Horizont. Dort versinkt die Sonne allmählich im Wasser und malt die Wellen rosa und rot an. Das beständige Rauschen, nur unterbrochen von den Möwen, die ihre Nester bei der nahen Klippe eingerichtete haben und noch immer auf der Jagd nach frischem Fisch sind, versetzte dich beinahe in Trance.

Für einen Moment spielst du mit dem Gedanken selbst dort auf die Felsen zu klettern und zu versuchen mit den Vögeln zu fliegen, doch du lässt die Idee schnell wieder fallen. Stattdessen lehnst du dich nach hinten, vergräbst die Finger im Sand und betrachtest den Himmel. Die Körner krabbelten näher heran, geben die Wärme, die sie über den Tag aufgenommen haben, an deine kalten Hände ab und knirschten zufrieden, während du die ersten scheuen Sterne beobachtest.

Der Sichelmond schiebt sich hinter eine Federwolke. Sie hat die Form eines Vogels, der seine Schwingen ausbreitet. Ein Windhauch reißt sie auseinander und ein Teil davon segelt wie Nebel über das Meer.

Sie schwimmt auf den Wellen, ganz nah an der Sonne und wird dann erneut zerstoßen.

Dieses Mal ist es nicht der Wind. Ein Boot schwebt durch sie hindurch. Es scheint das Wasser kaum zu berühren, wird nicht von den sanften Wellen auf und ab getrieben, sondern steuert stetig auf den Strand zu.

Du richtest dich auf.

Das Boot ist winzig und hat kein Segel. Es ist lang und schmal und an Buck und Heck erheben sich die Enden zu geschnitzten Figuren, deren Details du von Weitem kaum erkennen kannst.

Als die Sonne ganz von den Wogen verschluckt wird, erkennst du die Laternen, die an den Figuren hängen und in denen ein warmes Licht schimmert. Auch die einsame Gestalt, die in dem Boot steht, ist nun etwas deutlicher zu sehen. Es ist die Silhouette eines schmalen, großen Mannes, der einen bodenlangen Mantel trägt. Er hält einen Stab in der Hand, der bis ins Wasser reichte. Immer wieder zieht er ihn heraus und schiebt ihn hinter sich zurück ins Meer, um die Gondel voranzutreiben.

Du bist kaum verwundert über die Tatsache, dass der Mann es offenbar schafft, sich mit seinem Riemen vom Meeresboden abzustoßen. Genauso wenig wundert es dich, dass er direkt auf dich zusteuert.

Das Boot schabt über den Sand, als es sich an den Strand schiebt. Bis zur Hälfte ragt es nun aus dem Wasser. Der Stab des hageren Mannes hängt immer noch tief in den Wellen.

Unter der schwarzen Kapuze starren farblose Augen auf dich herab.

Du erwiderst den Blick furchtlos.

„Du weißt, wer ich bin, nicht wahr?“, dröhnt eine dunkle Stimme.

Du nickst.

„Willst du mit mir kommen?“

Dein Blick bleibt an der Galionsfigur vor dir hängen. Sie hat die Form eines Hundekopfes, der die Laterne in einem Maul mit vielen spitzen Zähnen hält. „Habe ich den eine Wahl?“

„Man hat immer eine Wahl.“

Du drehst dich um und betrachtest die dunkle Bucht und die Sterne, die ihre Bühne nun ganz erobert haben. „Was passiert, wenn ich nicht mit dir gehe?“

„Du kannst hierbleiben und die Lebenden beobachten. Aber sie können dich weder sehen noch hören. Und wenn du den Platz in meinem Boot ablehnst, bleibst du hier gefangen.“

„Kann ich denn die Insel nicht verlassen?“

 „Diese Insel schon, aber aus der lebendigen Welt kann nur dieses Boot dich tragen.“

Zögern. Du betrachtest deine nackten Füße im Sand. Schwarze Wellen schwappen immer wieder nah an deine Zehen heran, erreichen diese aber nie. Sie lassen nur feuchten Sand zurück, den sie im nächsten Moment überschwemmen.

„Und was passiert, wenn ich mit dir gehe? Ich meine, was erwartet mich in der Welt der Toten?“

Der Mann antwortet geduldig: „Es ist ein Ort, an dem alles seine Bedeutung verliert.“ Seine Stimme scheint bei den nächsten Worten von den Klippen widerzuhallen. „Besonders die Zeit.“

Das Meer kriecht über den Sand und greifen wieder nach deinen Füßen.

Entschlossen machst du einen Schritt nach vorn, als die nächste Woge heranrollt. Das Salzwasser ist kühl und beruhigend.

Du kletterst in die Gondel und setzt dich mit dem Gesicht zum Heck gerichtet, wo der Mann sogleich seinen Stab aus dem Wasser hebt und ihn neben dir in den Sand stemmt. Es scheint ihn kaum Kraft zu kosten. Das Boot gleitet zurück aufs Meer und dreht sich ohne viel Zutun des Mannes Richtung Horizont.

In deinem Sichtfeld erscheinen die Lichter des Dorfes auf dem kleinen Hügel in der Ferne. Dünen umgeben es, wie Wellen eines Sandmeeres.

Du drehst den Kopf und blickst in die sternenzerfressene Dunkelheit.

Die Gondel schwebt durch die Nacht. Die Wellen schweigen und das schwarze Meer schluckt Licht und Farbe, bis nicht einmal mehr ein Spiegelbild bleibt, das du beobachten könntest.

Nebel zieht auf und hüllt das Boot ein. Selbst das Wasser verschwindet unter der dicken Dunstdecke. Die Kerzen in den Laternen sind die letzten Lichtquellen.

Du betrachtest deinen Fährmann. Die trüben Augen sind starr in die Schwaden gerichtet, als könnten sie dort etwas sehen, dass vor deinem eigenen Blick verborgen liegt.

„Berichte mir von deinem Leben.“, fordert er.

Schulterzucken. „Was soll ich da erzählen?“

„Was immer dir in den Sinn kommt.“

„Und wenn ich nicht reden will?“

Der Mann sieht dich immer noch nicht an, während er spricht. „Es ist deine Entscheidung, aber es erleichtert den Übergang.“

Du hältst die Finger über die Reling und bewegst sie durch den Dunst, wie durch eine Flüssigkeit. „Was erzählen denn die anderen so?“

„Meist sprechen sie von ihren Familien. Partnern, Kindern, ihren Eltern.“

Du zeihst die Hand zurück und legst sie in deinen Schoß. „Ich schätze, meine Eltern waren ganz gute Eltern.“ Du zuckst wieder mit den Schultern. „Keine Ahnung, ich meine, sie haben mich nicht geschlagen oder sowas oder mir den Umgang mit meinen Freunden verboten. Sie haben mich nicht gedrillt, gut in der Schule zu sein oder mir aufgezwungen, was ich später werden könnte oder sollte.“

Der Fährmann schweigt und taucht weiterhin stetig seinen Riemen ins unsichtbare Meer.

„Sie haben mir kaum etwas verboten. Vielleicht war es ihnen auch einfach egal, was ich mache.“

„Glaubst du das?“

Du senkst den Blick. „Keine Ahnung.“ Das Blinzeln vertreibt die aufkommenden Tränen. „Was spielt das noch für eine Rolle, es ist vorbei! Und ich werde auch nicht herausbekommen, ob sie überhaupt um mich trauern.“

Der Nebel wabert und formt vor dem dunklen Himmel das Bild einer Frau mit rundem Bauch. Sie sitzt mit gefalteten Händen auf einem unbequem aussehenden Stuhl. Die Nägel bohren sich bereits in ihre Haut und hinterlassen dort Kerben. Ihre Lippen beben und ihr Blick ist glasig. Neben ihr sitzt ein Mann, dessen eine Hand auf ihrer Schulter, die andere auf ihrem Bauch ruht. Er sieht sie an. In seinen Augen leuchteten Tränen.

Du wendest dich ab. „Was bedeutet das jetzt noch?“

„Sag du es mir. War es nicht das, was du wolltest?“

Ein Biss auf die Zunge. „Keine Ahnung, was weiß ich schon.“

Das Bild löst sich auf und der Dunst hüllt das Boot in seine düstere Stille.

Du faltest die Hände und presst deine Nägel in die Haut, um zu verhindern, dass die Trauer dich übermannte.

„Erzählt weiter.“, fordert der Fährmann.

„Da ist nichts mehr.“, behauptest du.

„Was ist mit deinen Freunden?“

Du starrst ins Leere. „Ich hab keine Freunde.“

Der Nebelschleier wird zu einer Teenagerin. Sie blickt auf ihr Smartphone und scrollt durch einige Bilder und Posts, die dir sehr vertraut sind. Dabei kaut sie auf ihrer Unterlippe herum und schaut ernst drein.

Erneutes Schulterzucken. „Ja, und?“

„Sie sieht sich eure Vergangenheit an.“

„Ja, eben: Vergangenheit! Was soll das alles? Es ist vorbei, oder? Gelaufen!“ Dein gereizter Ton gilt halb dem Fährmann, halb dem Bild aus Nebel. „Das bringt doch nichts mehr.“

„Warum tut es dir dann so weh?“

„Was weiß ich denn.“, flüsterst du.

Die Formen verschwimmen wieder.

„Ich wollte ihnen doch nicht wehtun.“ Eine Träne fällt auf deine Hände. „Ich wusste einfach nicht… ich konnte einfach nicht mehr.“

Du hebst den Kopf und starrst in die Schwaden. „Und sie haben es nicht bemerkt.“, zischst du. „Keiner von ihnen hat bemerkt, wie es mir ging.“

„Hätten sie es denn bemerken können?“

„Natürlich!“, schreist du den Fährmann an. Dann lässt du die Schultern hängen und schlägst die Augen nieder. „Vielleicht.“, wisperst du.

„Hast du es ihnen gesagt?“

Kopfschütteln. „Sie hätte es doch eh nicht verstanden.“ Du wischst die nächste Träne aus deinem Auge. „Es hätte sie nicht interessiert.“

Eine Weile ist es still, dann stehst du auf. Es bereitet dir keine Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten. Das Boot gleitet beständig durch den Nebel.

„Was hätten sie auch schon tun können!? Sie hätten nichts ändern können! Es war… es war eben alles sinnlos.“

Nun steigt der Nebel überall um euch herum auf und formt Szenen, die das Boot zu allen Seiten umgeben. Jede Einzelne zeigt dich.

Mit deiner Familie beim Abendessen, mit Freunden am Strand, allein in deinem Zimmer beim Lesen, mit deinem Hund auf der Wiese. Und in allen lächelst du.

In der Gondel vergräbst du das Gesicht in den Händen. „Warum tust du das? Warum quälst du mich?“

„Nicht ich wähle die Bilder.“

Mit tränenüberströmten Wangen blickst du auf. „Ist das meine Strafe? Bin ich in der Hölle und muss auf diese Weise dafür büßen, dass ich eine Sünde begangen habe?“

„Niemand urteilt über dich.“

„Es fühlt sich aber verdammt danach an!“, schreist du.

Der Nebel zieht sich zu.

„Ich wollte doch nur, dass es aufhört.“ Du sinkst auf die Knie, krümmst dich und schlägst die Arme über den Kopf. „Es sollte einfach aufhören wehzutun.“

„Dachtest du, ein Messer kann dir deine Schmerzen nehmen?“

Wimmern. „Hör auf.“

„Aber ich tue doch gar nichts. Niemand will dir wehtun.“

„Doch, ich! Ich habe es nicht besser verdient!“ Du richtest dich halb auf und schlingst die Arme um den Bauch. „Ich bin wertlos. Niemand braucht mich.“

„Und doch wollten so viele Menschen in deiner Nähe sein.“

„Das ist nicht wahr, sie haben sich abgewendet.“

„Du hast sie weggestoßen.“

„Ich wollte sie nicht mit meinen Problemen belasten.“ Du kneifst die Augen fest zusammen. „Ich wollte… ich wollte nicht, dass sie um mich trauern.“

„Und du? Wolltest du nicht glücklich sein?“

„Doch, aber…“, du stockst. „Aber ich konnte nicht. Ich wusste nicht, wie.“

Neue Bilder kriechen aus dem Schleier. Bilder von Krieg und Tod

„Wie soll man auch glücklich werden in so einer kaputten Welt? Die Menschen vernichten alles, was sie anfassen. Sie tragen so viel Hass in sich. Und ich auch. Ich hasse… ich hasse diese Welt Menschen… ich hasse die Menschen… und ich hasse…“ Du richtest dich auf, flüsterst. „Ich hasse mich.“ Du wischst die Tränen aus den Augen. „Ich hasse, was ich getan habe. Es war so feige und schwach.“

„Und dafür verurteilst du dich?“

„Natürlich! Du hast doch gesehen, was ich angerichtet habe. Meine Eltern… meine Freunde…“

„Und was ist mit dir?“

Du zuckst mit den Schultern. „Was soll mit mir sein?“

„Was hast du dir angetan?“

Du schaust hoch und die trüben Augen des Fährmannes blicken genau in deine. Die Worte in deinem Kopf schlüpfen wie von allein durch die Lippen: „Ich habe mir das Leben gestohlen.“ Du krümmst dich wieder. „Und es war umsonst. Es tut immer noch weh!“

„Warum?“

„Na weil… weil…“ Tränen beginnen wieder über dein Gesicht zu rinnen. „Es ist meine Schuld. Es war doch alles gut. Warum konnte ich nicht einfach glücklich sein?“

Ein Knirschen zerreißt die drückende Stille, als das Boot wieder auf Land trifft.

„Weil du es nun einmal nicht warst. Und dafür musst du dich nicht hassen. Auch nicht dafür, dass du es nicht mehr ertragen hast.“

Du blickst auf.

Der Fährmann hat seine Kapuze zurückgezogen. Sein Gesicht ist jetzt nicht mehr starr, sondern friedlich und liebevoll. Seine Augen leuchten golden. „Erinnere dich, dass du geliebt wurdest.“ Die Stimme des Mannes ist weich.

Der Nebel hat sich gelichtet und ein glühendes Licht scheint hinter dir. Du drehst dich um und siehst die Sonne hinter einem Dorf zwischen Dünen aufgehen.

„Erinnere dich an das, was du geliebt hast.“

Du wischst dir die letzten Tränen weg. „Werden sie… werden sie darüber hinwegkommen?“

„Sie werden weiterleben, aber sie werden dich nie vergessen. All die Freude, die du in ihr Leben gebracht hast.“

„Sie haben auch mir Freude gebracht.“ Deine Hand streicht über die Galionsfigur. „Ich wünschte, das hätte ich ihnen gesagt.“

„Das hast du.“

Du nickst. „Vielleicht.“ Du steigst aus dem Boot und das kalte Salzwasser kitzelte deine Zehen. „Werde ich dieses Mal glücklich werden?“

„Das kommt darauf an, was es für dich bedeutet.“

Die Figur zieht sich unter deinen Fingern zurück, als der Mann die Gondel vom Ufer abstößt.

Einen Moment bleibst du noch mit den Füßen im Wasser stehen und beobachtest, wie der Tag über der Insel anbricht.

Das Geräusch der Wellen und der Möwen ist zurück und zauberte dir ein Lächeln ins Gesicht. Du lässt dir die Meeresbrise um die Nase wehen und trittst aus dem schwarzen Wasser.


© Lilli Schwarz 2021 | Alle Rechte vorbehalten

Cover von Mathias P. R. Reding auf Pexels | bearbeitet von Lilli Schwarz

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Bilder von Karolina Grabowska und Karolina Grabowska auf Pexels | bearbeitet von Lilli Schwarz

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