Ein dunkler Totenschädel, in einem Haufen Knochen.
Kurzgeschichte

Herzschlag


Ich zerre den schweren Sack über den Steinboden. Das schleifende Geräusch treibt mir mehr Schweiß auf die Stirn als die Anstrengung. Rote Schlieren bleiben im dämmrigen Licht der Laternen zurück.

Meine Augen huschen nervös in jede Gasse, doch dort lauern nur Ratten, die vom Geruch angezogen aus den Schatten flitzen und an dem groben Stoff knabbern. Ich trete nach ihnen, scheuche sie fort.

Meine Hände sind feucht vom Schweiß und die Last rutscht mir immer öfter aus den Fingern.

Da kommt endlich der Fluss in Sicht. Mit einem schnellen Blick am Ufer entlang, versichere ich mich, dass ich allein bin, und schleppe den Sack bis an den Randstein. Ein Tritt, ein Platschen und die Bürde versinkt im trüben Wasser.

Ich schlage den Kragen meines Mantels auf, ziehe den Hut tiefer ins Gesicht und will gerade wieder in der Gasse verschwinden, da sehe ich die beiden schwarzen Augen, die mich anblitzen.

Die Krähe, der sie gehören, gibt keinen Laut von sich, folgt mir nur mit ihrem finsteren Blick.

Ich schlucke. Mit schnellen Schritten suche ich den Schutz der Schatten, doch ich weiß, dass der Vogel an der nächsten Ecke auf mich warten wird. Auf einem Dach oder einer Laterne wird er hocken und sich versichern, dass ich den richtigen Weg einschlage, dass ich nicht die Flucht ergreife. Nicht von dem berichte, was ich gesehen, was ich getan habe. Nicht meinem Gewissen erliege.

Als ob ich so töricht wäre. Würde doch mein Hals in der Schlinge landen, nicht etwa ihrer. Und noch dazu wäre dann all das umsonst gewesen.

Auf dem Weg verstreue ich das Pulver aus Schleierkraut, das sie mir gegeben hat. Es wird die Spuren meines Besuches hier beseitigen.

Ich fröstele, trotz der milden Temperaturen. Ihre Magie ist kalt. Kalt und dunkel.

Vor meiner Haustür halte ich inne. Spüre die düsteren Augen der Krähe im Nacken, auch wenn ich das Tier in der Finsternis nicht ausmachen kann.

Ich ziehe den Schal enger und vergrabe die Hände in den Taschen, als ich meinen Weg fortsetzte. Es ist noch weit, bis zur Stadtgrenze, weiter als der Weg vom Fluss.

Die Schatten um mich herum verdichten sich immer dann, wenn ich durch das Licht einer Laterne stapfe. Hinter den Fenstern bleibt alles dunkel. Auch die Nachtwächter, die seit kurzem wieder in den Straßen patrouillieren, werden meinen Weg nicht kreuzen.

Doch obwohl ich nicht daran zweifle unentdeckt zu bleiben, hämmert mein Herz in der Brust.

Es war das letzte Mal, hallt es in meinem Kopf. Das hat sie gesagt, als sie heute Morgen die Zutaten abgeholt hat.

Die Kutsche wartet an der üblichen Stelle. Die reglose Gestalt auf dem Bock ist in einen tiefschwarzen Mantel gehüllt, der sie in der finsteren Nacht fast unsichtbar macht. Das Gesicht versinkt unter einem Hut mit breiter Krempe.

Als ich mich nähre, dreht sie langsam den Kopf und aus dem Stoff funkelt mich ein gelbes Auge an.

Schnell steige ich ein und schließe die Tür hinter mir. Das Gefährt setzt sich unnatürlich geräuschlos in Bewegung.

Erschöpft sinke ich auf dem Sitz zusammen, doch an Schlaf ist nicht zu denken. Zu holprig ist die Strecke. Ich werde hin und her geworfen, wehre mich nicht dagegen. Mir fehlt die Kraft dafür.

Das bekannte Quietschen des rostigen Tores, kündet von unserer Ankunft. Wie von selbst öffnet es sich vor der Kutsche und schließt sich, als wir hindurch sind.

Das Anwesen, vor dem wir halten, ist zerfallen. Viele der hölzernen Fensterläden hängen nur noch halb in den Angeln oder liegen im Moos, das begleitet von einer Efeu-Pflanze schon die Fassade erobert. Das Dach ist undicht, die Stufen der Veranda brüchig.

Ich springe aus dem Wagen, meide es, den Kutscher anzusehen und stapfe durch den Matsch auf die Eingangstür zu.

Sie steht einen Spalt offen, lässt sich nicht mehr vollständig schließen. Doch das besorgt mich nicht. Kein im Geiste vernünftige Menschen, würde auch nur einen Fuß auf dieses Grundstück setzten.

Auch mir widerstrebt jeder Schritt, der mich dem verfluchten Gemäuer näher bringt.

Nur das Wissen um das, was darin auf mich wartet, lässt mich die Abscheu überwinden.

Ich eile durch die kahle Eingangshalle und suche zielsicher meinen Weg durch die dunklen Flure. Hinter mir bleiben Fußabdrücke im Staub zurück.

Vor der Kellertür hallte ich inne. Sie ist in besserem Zustand als der Rest des Hauses. Zitternd strecke ich die Hand aus, da unterbricht mich eine helle Stimme.

„Hallo Mortimer.“

Ich schlucke schwer und drehe mich um. „Delilah.“, hauche ich.

Bernsteinfarbene Augen, groß und rund, fixieren mich. Das Mädchen, dem sie gehören, ist vielleicht zwölf Jahre alt. Ihre dunklen Haare sind hochgesteckt.

Das Mondlicht, das durch ein Fenster hinter ihr fällt, illuminiert sie auf gespenstische Weise.

„Du bist wie immer zu ungeduldig.“, sagt sie und entzündet einen dreigliedrigen Kerzenhalter, der auf einem verstaubten Tisch steht.

Jetzt sehe ich das Gesteck, das in ihrer kunstvollen Frisur thront. Es passt farblich zu dem eleganten Kleid in Weiß und Violett, das sie trägt.

„Ich dachte…“

Sie hebt die Hand und unterbricht mich. „Gewiss, es gibt noch Arbeit für dich, aber du hast noch nicht einmal deinen Kittel angelegt. Ich habe dich schon des Öfteren darauf hingewiesen, wie elementar es ist, dass der Arbeitsbereich nicht verunreinigt wird. Ich lasse dich die Reste nicht umsonst anderenorts entsorgen.“

Die plötzliche Kälte in ihrer Stimme, lässt mich erschaudern.

„Aber sei es drum. Geh dich waschen, leg den Kittel an und dann können wir anfangen, wenn du dich nicht länger zügeln kannst. Doch es wird den Prozess nicht beschleunigen. So oder so müssen wir bis zum Sonnenaufgang warten.“ Sie drückt mir den Kerzenständer in die Hand und verschwindet in den Schatten.

Ich schleiche in das Badezimmer, in dem wie immer eine Schale mit kaltem Wasser und ein Stück Seife auf mich warten.

Der Spiegel, der darüber hängt, hat blinde Flecken, doch diese können nicht über den kläglichen Anblick, den ich biete, hinwegtäuschen. Meine Augen sind blutunterlaufen vom Schlafmangel, die Stoppeln meines Bartes schmutzig grau und die Haut zerfurcht von Falten, die mich um einige Jahre betrügen.

Ich wasche Hände und Gesicht gründlich und tausche meinen Mantel gegen den Kittel, der an einem Hacken neben der Tür hängt.

Die Schuhe klopfe ich über der leeren Wanne aus und befreie sie so zumindest grob von Erde und Staub.

Als ich zurückkehre, steht die Kellertür einen Spalt offen. Ich schlüpfe hindurch und schließe sie leise hinter mir.

Die Treppe, die hinab führt, ist wie die Wände aus Stein und ebenso makellos. Hier unten gibt es keine Feuchtigkeit, keinen Schimmel, es ist trocken und sauber, beinahe steril.

Am Fuß verlaufen sich die flackernden Schatten meiner Kerzenflammen und ich trete in einen hell erleuchteten Raum.

Delilah steht auf einem kleinen Hocker, über einen Arbeitstisch gebeugt. Auch sie trägt jetzt eine Kittelschürze, darunter eine dunkle Hose, nur die Frisur ist unverändert.

Auf der Arbeitsfläche vor ihr zischt eine blaue Flamme. Sie hält mit einer Zange einen Kolben darüber, in dem mir unbekannte Kräuter in einer blassen Flüssigkeit brodeln.

In der Mitte des Raumes steht ein weiterer Tisch, der mit einem weißen Lacken abgedeckt ist.

Wieder kann ich nicht vermeiden, meine Augen über die Form darunter gleiten zu lassen. „Ist sie…bist du weitergekommen?“ Meine Stimme bebt, wie jedes Mal, wenn ich sie danach frage.

„Die Haut, die du ausgesucht hast, hat gepasst.“, antwortet sie knapp.

Ich mache einen Schritt auf den Tisch zu. „Darf ich…darf ich sie sehen?“

Das Mädchen blickt mich über die Schulter an. „Es sind nur noch ein paar Stunden.“

„Ich weiß…aber…“

Mit einem fast mitleidigen Seufzen stellt sie den Sud ab, steigt von ihrem Hocker und kommt zu mir. „Tritt zurück.“

Erst jetzt merke ich, wie nah ich an den niedrigen Tisch herangekommen bin.

Fast zärtlich heben die blassen Finger das Tuch und ziehen es ein Stück hinunter.

Ich kann mich nicht zurückhalten und mache einen Schritt nach vorn, als mir ein erstickter Laut entfährt.

Das reglose Gesicht ist leicht gebräunt, die Augen sind geschlossen, die Lippen sanft rosa, wie die Himbeeren, die sie so gern gegessen haben.

Meine Finger bewegen sich wie von selbst auf die Gestalt zu.

„Nicht anfassen.“, mahnt Delilah. „Du könntest meine ganze Arbeit wieder zerstören.“

Ich balle die Hand zur Faust, kann sie aber nicht zurückziehen. „Das…das ist…“

Im Augenwinkel sehe ich, wie ein zufriedenes Lächeln über die Lippen des Mädchens huscht. „Du wolltest es noch immer nicht glauben.“

„Ich…ich…“

Das Tuch legt sich wieder über das bekannte Gesicht. „Genug davon, wir haben Arbeit vor uns.“, erinnert sie mich und kehrt zu ihrem Arbeitstisch zurück.

„Die Haut war viel heller.“, murmele ich abwesend.

„Ich habe es dir schonmal gesagt. Sie wird nach deinen Erinnerungen geformt, nach dem Bild in deinem Kopf.“

„Aber du sagtest auch, die Frauen müssen ihr ähneln.“ Mit leichtem Unbehagen blicke ich auf die Schale, indem ein dickes Bündel roter Haare liegt.

Sie greift eine Strähne davon mit einer metallenen Zange und versenkt sie in dem hellen Sud. „Vom Wesen her, von den Bewegungen, der Mimik. Das Aussehen ist nebensächlich. Es spielt auch keine Rolle mehr, ob du es verstehst, du hast instinktiv das richtige Material ausgewählt.“

Ich schlucke.

„Dort hinten steht eine Schale. Der Inhalt muss gemahlen werden. So fein, wie möglich.“ Grob deutete sie auf das Ende des langen Arbeitstisches.

Eine Welle von Übelkeit überrollt mich, als ich sehe, was darin liegt. „Fingernägel?“, frage ich wispernd.

Sie verdreht die Augen. „Jetzt werd nicht zimperlich, Mortimer.“

Mit schweißnassen Fingern greife ich nach der Schale und dem Mörser, der daneben liegt, nehme auf dem wackligen Stuhl platz, der in einer Ecke steht, und beginne meine Arbeit.

Um mich abzulenken, konzentriere ich mich auf Delilah, sehe zu, wie sie sechs weitere Haarsträhnen versenkt und dann mit einem gläsernen Stab genau dreizehnmal rechtsherum und dreizehnmal linksherum rührt. Die zähe Flüssigkeit verändert indes die Farbe und wird ebenso rot, wie die Haare, die sie verschlungen hat.

Delilah trägt das Glas zu dem verdeckten Tisch.

Als sie das Tuch hebt, macht mein Herz unwillkürlich einen Sprung, doch sie legt nur das kahle Haupt frei.

Mit einem Pinsel verteilt sie die Tinktur auf dem Schädel. „Wie weit bist du?“, fragt sie, als sie ihre Arbeit beendet hat.

Ich halte stumm die Schale hoch. Darin ist nur noch feiner Staub.

„Sehr gut.“ Sie nimmt sie mir ab und mischt am Labortisch ein zweites, dunkleres Pulver darunter. Mit Handschuhen ausgestattet kehrt sie an den Obduktionstisch zurück, hebt das Tuch auf Höhe der rechten Hand und streut die Mischung über die Finger der Leblosen.

Diesen Prozess wiederholt sie an der anderen Hand und den Zehen.

„Gut.“, kommentiert sie unser Werk am Ende. „Jetzt warten wir.“ Sie blickt zu mir und scheint meinen unglücklichen Blick richtig zu deuten. „Ich sagte es dir schon so oft, Mortimer, Geduld ist das Wichtigste, bei dieser Arbeit.“ Sie seufzt. „Aber es gibt tatsächlich noch etwas, dass du tun kannst, um dir die Wartezeit zu verkürzen.“

Ich balle die Hände zu Fäusten, was ihr scheinbar ebenfalls nicht entgeht.

„Keine Sorge, die schmutzige Arbeit ist vorbei.“ Sie hebt einen Finger. „Ich brauche lediglich eine weiße Rose. Am Tor wachsen welche, pflücke eine und bring sie her. Aber achte darauf, dich nicht an den Dornen zu stechen.“

„Wofür brauchst du das?“

Ein sonderbares Lächeln umspielt ihre Lippen. „Neugierig und ungeduldig, wie ein kleines Kind.“, sagt sie fast amüsiert. „Es ist für das Ritual, Mortimer. Bei Sonnenaufgang wird es so weit sein.“

Dieser Satz versetzt mich in eine Euphorie, die eine Trance gleicht. Wie von selbst steige ich die Treppen hoch, stolperte durch die Flure nach draußen und an dem zusammengesunkenen Kutscher vorbei auf das Tor zu.

Erst, als ich die Hand nach einer besonders schönen, schneeweißen Rose ausstreckte, erwache ich aus der Hypnose.

Überrascht stelle ich fest, dass ich noch die geistige Gegenwart besessen habe, mir Handschuhe anzuziehen und so ist es nicht schwer eine der Pflanzen aus dem Busch zu pflücken.

Auf dem Rückweg zur Villa, beginnen in den Ästen der umstehenden Eichen die ersten Vögel zu zwitschern.

Als ich zurückkehre, erwartet Delilah mich in der Halle. Sie trägt jetzt ein schlichtes, weißes Kleid und deutet auf ein rundes Tischchen, auf dem ich die Rose ablegt.

Wortlos nimmt sie die Blume in die Finger und reißt ein einzelnes Blütenblatt heraus. Sie legt es auf den Tisch und bricht einen Dorn vom Stängel, ohne sich daran zu stechen.

Mit einer Geste bedeutet sie mir, es ihr gleichzutun, und ich folge.

Sie streckt den Zeigefinger der linken Hand aus, nimmt den Stachel in die andere und sticht zu. Ein dicker Tropfen Blut landete auf dem weißen Blütenblatt. Sie legt den Dorn darauf und wickelte ihn sorgfältig ein.

Auch das mach ich ihr etwas ungeschickt nach.

Delilah nickt zufrieden und lächelt. „Es ist so weit, bringen wir sie zum See.“

Ich trage die verdeckte Gestalt hinter das Haus.

Langsam wird es hell. Rote Wolken hängen wie blutige Fetzen über den Bäumen, die den kleinen See umringen.

Delilah tritt ans Ufer. Die beiden in Blüten eingebetteten Dornen ruhen in einem gläsernen Fläschchen, das an einer Kette um ihren Hals hängt.

Als ihr Fuß das Wasser berührt, verstummt der Gesang der Vögel.

„Komm.“, sagt sie.

Zögerlich folge ich ihr in das trübe Nass, bis der Spiegel über meiner Hüfte liegt.

Delilah bleibt näher am Ufer, doch ihr steht das Wasser bereits bis zur Brust.

Der Körper in meinem Arm treibt sanft. Ich stütze ihn weiterhin, damit er nicht untergeht.

Das Tuch, das ihn verdeckt hat, zieht Delilah nun fort und lässt es davonschwimmen.

Ich sehe, dass auf dem vormals kahlen Kopf rote Stoppeln gewachsen sind. An Fingern und Zehen kurze, weiche Nägel.

Das Mädchen schüttet die Blütenpäckchen in ihre Hand, rollt sie mit der anderen auf und gibt nur die blutigen Blüten zurück in das Gefäß um ihren Hals.

„Bereit?“

„Ja, ja!“ Meine Stimme bebt vor Aufregung.

Delilah schließt die Augen und hebt die Arme gen Himmel. „Ich binde diese beiden Seelen aneinander. Das eine Herz soll schlagen, solange es das andere tut. Der Tod soll sie nur gemeinsam ereilen. Nie wieder trennen.“

Mein Puls beschleunigt sich.

Delilah legt die eine Hand an meine, die andere auf die Brust der Frau im Wasser. „Ein Leben, zwei Körper. Ein Leben, zwei Herzen. Geteilt und so wertvoller als zuvor.“

Ein kurzer Schmerz durchzuckt mich, als Delilah einen Dorn in meine Brust jagt. Zeitgleich tut sie dasselbe bei der Treibenden.

Ein kalter Sog erfasst mich, zerrte an meinem Herz, zerrt mich in Richtung der noch immer reglosen Frau.

Dann höre ich einen Herzschlag. Es ist nicht meiner.

„Sarina?“

Delilah tritt rückwärts aus dem Wasser. Nur im Augenwinkel sehe ich, dass sie die Blüten wieder aus dem Gefäß holt.

Rosa Lippen saugen bebend Luft in die neuen Lungen.

„Sarina.“ Eine Träne läuft mir über die Wange.

Lider öffnen sich flackernd und geben den Blick auf zwei dunkelgrüne Augen frei. Sie suchen nur kurz nach etwas, bleiben dann an mir hängen.

„Es hat wirklich geklappt.“ Mit zitternden Händen ziehe ich Sarina näher.

„Mortimer?“ Ihre Stimme ist heiser, aber es ist ihre. Oh, es ist ihre.

„Ich…“

Ihre Finger berühren mein Gesicht. „Was ist passiert? Ich kann mich nicht erinnern.“

Ich drücke meine Stirn an ihre. „Es ist nicht wichtig, es ist vorbei. Wir sind zusammen.“

„Wer ist das Mädchen?“, fragt sie und holt mich in die Realität zurück.

Mit verschleierten Augen blicke ich ans Ufer, wo Delilah stumm ihre Lippen bewegt. Dann hält sie die Faust über den See und lässt weißroten Staub hineinrieseln.

Ich werde hinabgezogen, weg von meiner Sarina, die ich eben erst wiederbekommen habe.

Das Wasser erstickte meinen Schrei.

„Vergiss unseren Pakt nicht, Mortimer.“, haucht eine kalte Stimme an meinem Ohr.

Ich schrecke hoch. Schnappe nach Luft. Doch das Wasser ist fort.

Ich liege im Bett, die schlafende Sarina neben mir. Das rote Haar wieder lang, die Fingernägel kurz und schmutzig von der Arbeit.

Ich berühre sie sanft und sie erwacht.

„Mortimer? Ist alles in Ordnung.“

„Ja…ja, ich…ich hatte einen bösen Traum.“

Sie lächelt, küsste meine Hand. „Leg dich wieder hin, ich lass ihn dich vergessen.“

Ich schüttele den Kopf. „Nein ich…ich muss nach Maggie sehen.“

Sie nickt und schließt die tiefgrünen Augen. „Bleib nicht so lange fort.“

Auf leisen Sohlen schleiche ich mich in das zweite Zimmer. In einem kleinen Bett liegt unsere Tochter, gerade ein paar Monate alt.

Sie schläft tief und fest. Doch an ihrem Fenster hockt eine Krähe mit dunklen, kalten Augen.


© 2021 Lilli Schwarz | Alle Rechte vorbehalten

Cover von Mitja Juraja auf Pexels | bearbeitet von Lilli Schwarz

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Bilder von Karolina Grabowska und Karolina Grabowska auf Pexels | bearbeitet von Lilli Schwarz

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