Eine schattenhafte Gestalt in einem schmalen Gang, sie wirkt bedrohlich und kommt auf den Betrachter zu.
Kurzgeschichte,  Szene

Im Zwielicht


Die Nachtluft war kühl. An den Docs zog ein Wind umher, der die Flamme von Skadis Feuerzeugs immer wieder ausblies. Als er es endlich geschafft hatte, sich seine Zigarette anzuzünden, ließ er das silberne Feuerzeug zuschnappen und steckte es zurück in die Innentasche seiner Jacke. Ein kräftiger Windstoß stellte seine Nackenhaare auf und er zog den Kragen enger.

Nebel hing über dem Hafenbecken und waberte zwischen den Frachtcontainern auf und ab, wie ein Geist.

Skadis Muskeln waren angespannt. Sein Hemd lag straff auf der Haut.

Endlich schob sich der kleine Frachter durch das Wasser auf den Hafen zu. Er war gerade so groß wie eine einfache Fähre. Die Scheinwerfer am Bug warfen ihr Licht in den Nebel. Er fing es ein und formte daraus eine Wand, die das ganze Boot leuchten ließ.

Der Kahn legte an und zwei Gestalten sprangen auf die Docs. Beide waren wesentlich kleiner, als der Zwei-Meter-Mann, der neben einem der Container auf sie wartete.

Skadi hob die Hand zum Gruß, als er die Frau erkannte, die mit einem breiten Grinsen auf den Riesen zulief.

„Na, dich hab ich ja ne ganze Weile nich gesehen.“, sagte sie und zog ebenfalls eine Zigarette aus der Tasche.

Sie fuhr sich mit der Hand in den ausrasierten Nacken, zu dem Tattoo, dem sie ihren Spitznamen zu verdanken hatte: Sparrow.

Skadi hatte anfangs gedacht, sie hätte sich tatsächlich die Kräfte eines Spatzes ausgesucht, doch das Kunstwerk war reine Zierde. Anders, als seines.

Er zündete hinter seiner Pranke Sparrows Glimmstängel an und nickte dann ihrem Begleiter zu.

„Das is Hunter.“

„Angenehm.“, der hagere Mann erwiderte das Nicken.

„Sehen ein bisschen schmächtig aus für einen Jäger.“, sagte Skadi und sog tief den Rauch in die Lungen.

Ein überhebliches Lächeln schlich sich auf Hunters Lippen. „Man jagt mit dem Kopf, nicht mit den Muskeln.“

An einem anderen Tag hätte Skadi dem Kerl eine verpasst und ihm gezeigt, was sein Verstand gegen Muskelkraft ausrichten konnte, aber heute war eben keiner dieser Tage.

„Is das alles?“, unterbrach Sparrow das Macho-Geplänkel. „Nur der eine Kasten? Lohnt sich ja fast nich.“

„Sonderfracht.“, brummte Skadi.

Hunter machte einen Schritt auf den Container zu, aber der Riese stellte sich ihm in den Weg.

„Seien Sie lieber vorsichtig.“

Wieder das überhebliche Lächeln. „Keine Sorge, ich kenne mich mit diesen Dingen aus.“ Er legte Skadi wie zur Beruhigung die Hand auf den Arm, als er sich an dem Muskelprotz vorbeischob. Auf dem Handrücken waren zwei Spielkarten tätowiert. Ein Karoass und eine Pik-Sieben.

„Würde mich wundern, wenn Sie sich mit dem Ding auskennen.“, erwiderte Skadi, ließ Hunter aber vorbei.

Dieser trat an eines der Luftlöcher, die kaum einen Zentimeter Durchmesser hatten, und spähte hindurch. „Ich hätte es mir größer vorgestellt.“, sagte er nach einigen langen Sekunden.

„Es versteckt sich. Will wie ein Kind aussehen.“

Hunter aktivierte mit einem Knopfdruck an der Schläfe die Scanfunktion seines mechanischen Auges. Es leuchtete im dunkeln Gelb auf.

„Faszinierend. Es ist tatsächlich die perfekte Maske. Selbst das Gerät hält es für ein Kind. Menschliche Physiologie, normale Vitalfunktionen, nur leicht erhöhter Puls.“

„Wirkt verletzlicher. Nur eine clevere Falle.

Nun warf auch Sparrow einen Blick hinein und blies den Rauch gegen die Metallwand. „Krankes Teil! Wie habt ihr`s gefangen?“

Skadi ließ die Zigarette auf den Boden fallen und drückte sie mit dem Stiefel aus. „Willst du nicht wissen.“

Sparrow zwinkere ihm neckisch zu. „Ach komm, großer, erzähl.“

Skadi fixierte Hunter, als er antwortete: „War nicht dabei. Aber hab einen der Männer gesehen, die es überlebt haben.“

Sparrows Augen funkelten. „Was war’n mit ihm? Hat`s ihm das Gesicht zerfetzt, oder was?“

Skadi schüttelte den Kopf. „Hatte keinen Kratzer.“

„Was`n dann?“, säuselte Sparrow und blies einen perfekten Ring in Skadis Gesicht.

„Ist verrückt geworden. Hat nur noch gezuckt und gewimmert. Und war irgendwie nicht mehr richtig da. Aber als er mich angesehen hat…“ Skadi vergrub die Hände tiefer in den Taschen, damit nicht zu sehen war, dass sie zitterten. „War als würde es mir das Herz aus der Brust ziehen.“

Sparrows Grinsen erinnerte an einen Haifisch. „Klingt superkrank.“

Skadi biss die Zähne aufeinander und nickte.

„Jetzt sag nich dir geht die Muffe.“, lachte Sparrow und knuffte den Riesen in den Arm.

Skadi rührte sich nicht. „Mein ja nur. Müsst vorsichtig sein.“

Sparrow winkte ab. „Ach, da drin is es doch jetzt gefangen oder nich?“

Ein großer Finger richtete sich auf einen unscheinbaren Kasten an der rechten Containertür. „Solange das Ding läuft, ja.“

Hunter untersuchte das Gerät mit seinem Auge. „Interessant. Es ionisiert das Metall und lädt es von innen statisch auf. Eine eindrucksvolle Konstruktion. Sicher nicht billig.“

Skadi zuckte mit den Schultern. „Weiß nur, dass das Vieh die Wände ohne den Apparat zerfetzt, als wären sie aus Pappmaschee.“ Er zog einen Tablet-PC aus der Tasche, der in seiner Pranke, wie ein Spielzeug wirkte und drückte ihn Hunter in die Hände. „Damit können Sie den Käfig und den Zustand des Schatten überwachen.“

„Schatten?“

„So haben die Jungs es genannt. Hat noch keine offizielle Bezeichnung. Können sich ja was Besseres einfallen lassen.“

Hunter nickte und schaltete den Bildschirm ein.

Sparrow schnippte ihre Zigarette in den Nebel. „Könn wir dann jetzt aufladen?“

Doch Hunter starrte nur stumm auf das Gerät in seinen Händen. Er blinzelte ein paar Mal, drückte auf dem Touchpad herum und glotze wieder. Dann trat er erneut an den Container und lugte hinein. „Was genau wissen Sie über die Eigenschaften dieses Wesens?“, fragte er schließlich.

„Nicht viel. Es kann die Form verändern und ist recht stark. Die Jungs waren nicht sehr gesprächig.“

Hunter scannte den Innenraum, guckte wieder auf den Bildschirm in seiner Hand und nochmal in den Container. „Es…es scheint verschwunden zu sein.“

„Blödsinn.“, sagte Skadi. „Es kann da nicht raus.“

„Aber hier, sehen sie selbst.“ Er hielt ihm das Tablet vor die Nase.

Skadi nahm es dem unentwegt blinzelnden Hunter ab und sah sich die Werte an. „Sieht für mich alles normal aus.“

„Aber es ist weg.“ Nun drückte sich Hunter die Nase an dem Metall platt, wie ein Kind an einem Schaufenster.

„Lass mal sehn.“ Sparrow linste ebenfalls durch eines der Löcher.

Widerwillig guckte auch Skadi ins Innere.

In der Ecke hockte ein kleines Mädchen mit langen, blonden Locken. Die Arme waren um ihre angewinkelten Beine geschlungen und das Gesicht ruhte auf den Knien.

„Da is es doch.“

Das Kind hob den Kopf ein Stück und durch die Haare fixierte ein pechschwarzes Auge den Riesen.

Skadi sprang fast im gleichen Moment zurück, in dem Hunter zu schreien begann. Er zog Sparrow hinter sich, die schon dabei war ihre Waffe zu ziehen.

Hunter hatte die Hände vor die Augen geschlagen und sein Mund war unnatürlich weit aufgerissen.

Skadi fuhr die Krallen aus und das Tattoo auf seiner Brust begann leicht zu brennen. Seine Muskeln wuchsen und er hörte sein Hemd unter der weiten Jacke reisen.

Sparrow blickte sich panisch um und schien nicht zu wissen, wohin sie zielen sollte, während Skadi Hunter genau im Auge behielt.

Plötzlich hörte dieser auf zu schreien. Seine Arme fielen schlaff herab und sein Gesicht verlor jeglichen Ausdruck.

Aus dem Augenwinkel konnte Skadi auf dem Tablet, das er auf den Boden hatte fallen lassen, eine rote Warnung blinken sehen.

„Hunter? Geht`s dir gut?“

Skadi versperrte Sparrow den Weg, als sie auf Hunter zugehen wollte.

Der Kopf des hageren Mannes neigte sich ihnen zu und als Skadi von seinem Blick erfasst wurde, zog sich seine Brust zusammen.

„Schieß!“, bellte er, doch Sparrow reagierte nicht.

„Hunter?“, wisperte sie heiser.

Dann öffnete dieser den Mund. „Ich habe dich schon einmal gesehen.“, sagte er mit einer Stimme, die falsch und verzogen klang.

Skadi wollte auf ihn losspringen, doch seine Muskeln gehorchten ihm nicht mehr.

„Du hast dich nach der Göttin des Winters benannt und den Eisbären als dein Totem gewählt. Wieso braucht ein großer Mann wie du die Hilfe eines so starken Raubtieres?“

Das Geräusch von Metall auf Stein erregte Skadis Aufmerksamkeit. Mit einem Ruck drehte er sich um und sah Sparrows Waffe auf dem Boden liegen. Sie selbst hockte über dem Tablet und drückte darauf herum.

„Sparrow, nein!“

Sie blickte sich um und jetzt sah Skadi, dass ihr Tränen über die Wangen liefen. „Es hat gesagt, es lässt mich in Ruhe, wenn ich das tue. Es geht und nimmt die Angst mit. Ich will keine Angst mehr haben.“ Auch ihre Stimme war nicht mehr ihre eigene.

„Fuck!“ Skadi machte einen langen Schritt, griff in einer fließenden Bewegung nach der Waffe und schoss aus er Hüfte.

Die Kugel bohrte sich in Sparrows Rücken und eine Blutfontäne ergoss sich über den blinkenden Bildschirm vor ihr.

„Sinnlos.“, röchelte sie noch, ehe sie zusammenbrach.

Metall schabte über den Steinboden, als der Container sich öffnete.


© 2021 Lilli Schwarz | Alle Rechte vorbehalten

Cover von Elina Krima auf Pexels | bearbeitet von Lilli Schwarz

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Bilder von Karolina Grabowska und Karolina Grabowska auf Pexels | bearbeitet von Lilli Schwarz

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