Ein dunkler Himmel, der von zahlreichen hellen Sternen erleuchtet ist, in der Mitte wabert trüber Sternennebel.
Kurzgeschichte

Nachglimmen


Keine Sonne begleitete den Beginn meines Tages. Sowenig, wie Sterne mir die Nacht erhellt hatten. Hier draußen, in der Unendlichkeit des Alls, gab es außer mir und meinem Schiff nur Kometen, die wild durch das scheinbar grenzenlose Nichts flogen.

Ich war eingehüllt in diese meine Isolation, Lichtjahre entfernt von der nächsten Zivilisation, summte zu Mozarts Serenade Nr. 13 und nippte an meinem Tee aus selbst gezogenen Kräutern. Er war noch viel zu heiß. Doch mein Entdeckergeist hatte den Dampf, der darüber waberte, nicht als ausreichenden Beweis verstanden und eine experimentelle Fallstudie gefordert. Nun da das Ergebnis feststand, gestattete ich mir, die Tasse abzustellen, mit dem Vorsatz die Probe in naher Zukunft zu wiederholen.

Bis dahin ließ ich mir die Daten anzeigen, die der Computer von den umliegenden Sonden erhalten hatte. Diese sorgten zum einen dafür, dass der Autopilot korrekt funktioniert und ich nicht mit einem Kometen kollidierte. Zum anderen wurde auch die Zusammensetzung passierender Schweifsterne analysiert.

Hätte ich die Tasse zuvor nicht abgestellt, wäre sie mir in diesem Moment vermutlich aus den Fingern geglitten.

Die Werte, die vor mir aufgeschlüsselt lagen, gehörten zu einem einzelnen Kometen. Und allein die grobe Schätzung seines Erzgehaltes, überstieg alles, was ich bis dato gesehen hatte. Wenn man es auf seine Größe hochrechnete, mussten beinahe zwei Drittel der Masse aus dem flüssigen Metall bestehen. Eine Menge, die ich selbst mit leerem Tank nicht komplett hätte transportieren können und die mir eine Summe einbringen würde, für die ich sonst Monate benötigte.

Ich gab einen Befehl in das Kontrollboard ein und ließ mir die Entfernung zu diesem Schatz anzeigen. Zu meiner Überraschung hatte das Schiff nicht sonderlich zu dem Schweifstern aufgeschlossen. Es hatte seinen Verfolgungsflug nach einigen Stunden einfach aufgegeben.

Der Komet war in unerschlossenes Gebiet vorgedrungen. Dort gab es keine Sonden, die das Schiff leiten konnten, nicht einmal eine zuverlässige Sternenkarte. Ich war tatsächlich am Rande des Universums.

Nichts, was mich von einem solchen Fang abbringen würde. Kurzentschlossen schaltete ich auf manuelle Steuerung um.

Zumindest die Flugbahn des Kometen hatte der Computer berechnet, sodass ich ihm mithilfe seiner Navigation leicht folgen konnte. Es würde also kein völliger Blindflug werden.

Ein wohliges Kribbeln fuhr über meine Haut, als ich die unsichtbare Grenze überwand. Es war ein abenteuerliches Gefühl sich in diese unbeschriebene Welt vorzuwagen.

Wie ich bald feststellen musste, war sie jedoch ebenso leer und trist, wie der Teil des Alls, aus dem ich kam. Lediglich kleine Anpassungen der Flugbahn waren von Nöten. In der nahen Umgebung wurden nicht einmal weitere Kometen erkannt.

Dennoch beobachtete ich mit steigendem Pulsschlag, wie sich die Entfernung zwischen mir und meinem Ziel verringerte.

Der Landeanflug gestaltete sich ebenfalls unkompliziert. Wie ein Insekt glitt ich an den Himmelskörper heran und passte den idealen Moment ab, um dort Fuß zu fassen. Ein kurzes Ruckeln fuhr durch das Cockpit und die Tasse, in der mein Tee inzwischen kalt geworden war, flog von der Anrichte.

Ich kümmerte mich nicht weiter darum, fuhr die Sicherheitshaken aus den Füßen es Schiffes und sprang sofort von meinem Sitz.

Eilig stürzte ich in den Laderaum. Die zylinderförmige Glasröhre, die sich dort bis zur Decke erstreckte, war zu beinahe einem Fünftel mit der dicken, silbrigen Flüssigkeit gefüllt. Zweihundert Liter.

Der Bohrer, der startbereit in der Schleuse stand, verfügte über drei Tanks mit je hundert Liter Fassungsvermögen. Nicht genug, für die Beute unter meinen Füßen.

Unbeirrt kletterte ich in das massive Gefährt, das eher Ähnlichkeit mit einer Baumaschine hatte. Mit der darin befindlichen Konsole ließen sich die Schleusentore bedienen.

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, ehe sich das Tor hinter mir geschlossen und die Rampe vor mir geöffnet hatten. Letztere gab den Blick auf eine Wand aus Dunkelheit frei. Im nächsten Moment schnitt das Licht der Scheinwerfer eine Öffnung in die Mauer aus Schwärze und ich steuerte das klobige Fahrzeug auf die Oberfläche des Kometen.

Auf dem Bildschirm der Maschine baute sich eine netzartige Karte des Terrains auf und eine gepunktete Linie markierte mir die beste Route für den Bohrer.

Mein eigenes Sichtfeld war auf den Scheinwerferkegel beschränkt und ich musste mich auf die Daten des Computers verlassen. Im Laufe der Fahrt scannte er nicht nur die Oberfläche, sondern auch das Gestein und suchte nach einer Ader, die sich zum Schürfen eignete.

In Schrittgeschwindigkeit steuerte ich das Fahrzeug entsprechend seiner Vorgabe über den unebenen Untergrund.

Vor mir hob und senkte sich der graue Boden, wie ein tristes Meer und schwappte am Rand meines Blickfelds in die Finsternis. Diese drückte sich von allen Seiten gegen den Lichtkegel, als wolle sie den verlorenen Raum zurückerobern.

Ein Piepen riss mich aus der Fokussierung. Der Computer hatte eine Ader entdeckt und korrigierte die Wegline entsprechend.

Ich folgte dem neuen Kurs und nach wenigen Minuten erreichte ich das Ziel.

Begleitet von einem brummenden Geräusch, senkte sich der Bohrer in den Boden. Die Kabine vibrierte, während ich auf dem Bildschirm den Weg der Maschine durch das Gestein beobachtete. Die Ader lag nicht tief.

Nach dem Durchbruch rief ich mir die Füllanzeige der Tanks auf. Die piktografischen Behälter füllten sich rasch und gleichmäßig. Noch ehe sie halbvoll waren, startete ich das Analyseprogramm, um mir die Zusammensetzung meiner Beute anzeigen zu lassen.

Der Computer rechnete nur wenige Augenblicke und das Ergebnis hätte mich sicher aus dem Sitz geworfen, wenn ich nicht angeschnallt gewesen wäre: Reinheit 97,7%.

Mir entfuhr ein Glucksen und ich presste vor Schreck über meinen eigenen Laut die Hand auf den Mund.

Diese Beute war nicht nur die Arbeit mehrerer Monate wert, sondern die einiger Jahre. Nach diesem Fang würde ich mich vorläufig zur Ruhe setzen können.

Ungläubig schüttelte ich den Kopf und ließ mich in den Sitz sinken, die Hand immer noch auf den Lippen. Mein Blick schwebte wieder nach oben und richtete sich auf die Dunkelheit hinter dem Lichtkegel. In Gedanken malte ich mir die Möglichkeiten aus, die mir dieser Glücksfund eröffnete.

Das Signal für die maximale Füllung der Tanks, weckte mich aus meinen Überlegungen. Ich holte den Bohrer ein und startete den Autopiloten. Nachdem ich die Strecke einmal abgefahren war, konnte der Computer diese Aufgabe übernehmen. Zur Sicherheit beobachtete ich trotzdem den Weg vor mir, um im Notfall reagieren zu können.

Der Dopaminrausch, der meinen Körper bis zu diesem Zeitpunkt mit Energie versorgt hatte, klang ab und die Müdigkeit des langen Fluges korrumpierte zusammen mit der Tristesse der Umgebung meinen Geist.

Das graue Gestein schien durch die allgegenwärtige Schwärze verblichen zu sein. Die Finsternis hatte jegliche Farbe verschlungen. Und sie war noch immer nicht gesättigt. Denn die sie nagte an meinem Lichtkegel. Fast erwartete ich, dass die Scheinwerfer vor mir in dem dunklen Sumpf verschwinden und mich mit sich ziehen würde, in diese beklemmende Endlosigkeit.

Dann öffnete sich die Schleusentür vor mir und grelles Licht sprang daraus hervor, wie ein Tier, das sich aus den Fängen einer finsteren Bestie befreit hatte.

Für einen Moment war ich geblendet und kniff die Augen zusammen. Doch die Helligkeit wirkte gegen die allgegenwärtige Nacht, vor der sie sich abzeichnete, schnell bedeutungslos. Sie schien sich in der sie umgebenen Düsternis zu verlieren.

Zügig steuerte ich das Fahrzeug die Rampe hinauf und erst nachdem die Klappe sich hinter mir schloss, wurde mir klar, dass ich die Luft angehalten hatte, und ich atmete wieder aus.

Hier drin spiegelte sich das Licht in den metallenen Wänden und ließ den Raum leuchten, wie das Innere eines Diamanten.

Ich sprang aus dem Bohrer und verband die Transportbehälter über Schläuche mit dem zylindrischen Tank in der Mitte des Lagers. Mit einem Rumoren schaltete die Pumpe sich ein und begann ihre Arbeit. Sowie der Spiegel der silbrigen Flüssigkeit stieg, verließ ich den Raum mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen.

Es war höchste Zeit das Missgeschick im Cockpit zu beseitigen. Danach setzte ich mir noch einmal Wasser auf. Dieses Mal für einen schwarzen Kaffee, der meine Erschöpfung vertreiben sollte.

Zwei Touren hatte ich mindestens noch vor mir, ehe ich die Arbeit beenden konnte. Wenn ich auch die Tanks des Bohrers vollständig füllen wollte, drei. Und im Anschluss musste ich meinen Weg aus dieser gottverlassenen Gegend finden.

Ein Nickerchen ohne Sonden, die das Schiff leiteten, war zu riskant.

Und die berechnete Flugbahn des Kometen, ließ darauf schließen, dass er mich nur immer weiter in den unerforschten Raum tragen würde.

Wahrscheinlich war es besser, nach der nächsten Tour umzukehren. Keine Beute war es wert in der leeren Endlosigkeit verloren zu gehen.

Nachdem der Pumpvorgang beendet war, löste ich die Schläuche vom Bohrer und schwang mich erneut in das Gefährt.

Mit der Schleuse öffnete sich wieder die Finsternis vor mir. Schnell schaltete ich die Scheinwerfer an und mein beständiger Kegel flammte auf. Die ganze Fahrt über hielt ich den Blick auf das kleine Stück Boden, das er illuminierte.

Aber meine Augen glitten immer wieder in die Dunkelheit, schienen von ihr angezogen zu werden. Ich musste mich beinahe zwingen, zurück ins Licht zu schauen und Schleier aus Feuchtigkeit wegblinzeln.

Das Auf und Ab der Kabine wirkte wie eine Wiege und ließ mir die Lider schwer werden. Bis diese am Ende zufielen.

Die Dunkelheit, die wohl nur auf so einen Moment gewartet hatte, kreiste mich sofort ein. Sie legte sich eng auf meine Haut und kroch von dort aus bis in mein Innerstes. Sie erstickte jedes Licht, jeden Laut und sogar meinen Atem.

Panisch riss ich die Augen wieder auf. Das Pochen meines Herzens hallte mir in den Ohren wider und meine verschwitzte Hand hatte den Kontrollhebel zurückgerissen, sodass das Fahrzeug zum Stehen gekommen war.

Vor mir lag der Lichtkegel. Die Schwärze lauerte dahinter.

Ich senkte den Kopf zur Konsole und prüfte meine Position. Nur noch wenige Meter trennten mich von der Erzader.

Meine Augen weigerten sich, den Blick wieder zu heben. Der Gedanke an die Finsternis, die dort wartete, lähmte mich. Es war nur ein dummer Alptraum gewesen und doch konnte ich mich nicht mehr davon losreißen.

Ich stellte den Autopiloten wieder an und überwand die restliche Distanz, ohne aufzusehen.

Gerade hatte ich den Bohrer eingeschaltet und wollte den Sichtschutz herunterfahren, um mich einen Augenblick sammeln zu können, da erregte ein Leuchten meine Aufmerksamkeit.

Die Neugierde besiegte meine Lähmung und ich hob den Kopf.

Vor mir, im oberen linken Bereich des Fensters glühte etwas. Erst nur sanft und rötlich, dann gelb und bald hell und weiß.

Ich blinzelte in das Licht und begriff nur langsam, Zeuge welchen Phänomens ich gerade wurde: Die Geburt eines neuen Sterns.

Nun war es der faszinierende Anblick, der mich lähmte. Das Gestirn wuchs mit einer unnatürlichen Geschwindigkeit. Immer heller und heller wurde das Licht und vertrieb die lauernde Dunkelheit. Es dauerte nicht lange, bis ich die Augen abwenden musste.

Auch die Temperatur in meiner Kabine stieg rapide an. Mit einem einfachen Knopfdruck schaltete ich die Hitzeschilde ein und dunkelte das Sichtfenster ab, um dem Schauspiel weiter zusehen zu können.

Die Entfernung zu dem neuen Stern war schwer einzuschätzen. Er schien auf mich zuzurasen, dabei war es nur der Himmelskörper selbst, der weiterwuchs. Er pulsierte und wurde zu einer Sonne. Der ersten Sonne, die ich seit Monaten zu sehen bekam.

Eine Träne schlich sich aus meinem Augenwinkel.

Und dann explodierte der Stern.

Eine Welle aus Flammen rollte auf mich zu. Es gelang mir gerade noch, den Sichtschutz hochzufahren, bevor das Plasma den Kometen traf.

Ich wurde in den Sitz gepresst und hatte gleichzeitig das Gefühl gekocht zu werden und an der schwelenden Luft zu ersticken. Der Schweiß, der sich zuvor auf meiner Haut gebildet hatte, verbrannte augenblicklich und verätzte selbige.

Genauso schnell, wie die Hitze gekommen war, verschwand sie wieder und ließ nur Trockenheit und Finsternis zurück.

Und Stille. Nur mein Atem ging stoßweise. Der Grund dafür war nicht die schmerzende Lunge, sondern die Panik, die mich erfasste.

Die Dunkelheit war zurück und griff nach mir. Ich spürte sie deutlich auf meiner glühenden Haut, hörte sie flüstern.

Ängstlich drückte ich mich in den Sitz, versuchte mich auf das Polster unter meinen verkrampften Händen und im Rücken zu konzentrieren. Doch die schwarzen Finger griffen mit Leichtigkeit durch die Lehne und in meinen Nacken, wo sich die Härchen aufstellten.

Hektisch suchte ich in meiner Blindheit auf der Konsole den richtigen Knopf, um den Sichtschutz wieder zu öffnen. Ich drückte ihn, aber es rührte sich nichts und mir wurde klar, dass ich zuerst die Maschine starten musste.

Dieser Knopf war leichter zu finden. Ich betätigte ihn im Alltag häufig, ohne darüber nachzudenken und so ließ ich mich von meinem Muskelgedächtnis führen.

Wieder geschah nicht.

Mit angehaltenem Atem wartete ich einige Sekunden, versuchte es dann erneut und erneut. Das Ergebnis blieb dasselbe.

Ich ballte die zitternden Finger zur Faust, schloss die Lider und stieß die Luft langsam aus. Es blieb nur eine Option: Den Bohrer zurücklassen und zu Fuß zum Schiff zurückkehren.

Diesen Entschluss gefasst zu haben, versetzte mich in sonderbare Ruhe. Ich löste den Gurt und glitt in die Luft. Schnell streckte ich die Arme aus, um mich nicht an der Decke zu stoßen.

Ich tastete mich daran entlang, um in der Schwerelosigkeit nicht die Orientierung zu verlieren.

Die Augen hielt ich geschlossen. So war es leichter, mir einzureden, die Finsternis sei nur hier, hinter meinen Lidern. Außerdem konnte ich die Kabine auf diese Weise besser visualisieren.

Dennoch fühlte es sich an, wie einen endlosen Tunnel durchqueren. Die Dunkelheit dehnen und verbog den eigentlich so kleinen Raum, wie eine unfertige Skulptur aus Ton. Ich musste mich durch die feuchte Masse kämpfen. Meine Bewegungen waren, obwohl ich schwebte, träge und langsam. Schweiß perlte auf meiner Haut und lief mir den Nacken herunter, über die immer noch aufgestellten Haare.

Als ich die Schleusentür am Ende des Bohrers ertastete, hatte ich das Gefühl, ein Lichtjahr überwunden zu haben.

Die manuelle Verriegelung zu lösen war ohne Schwerkraft eine weitere energiezehrende Aufgabe. Insbesondere, weil meine schweißnassen Finger immer wieder abrutschten. Ich musste mich gegen die Wand stemmen, um genug Kraft aufwenden zu können. Das Metall grub sich in mein Fleisch, stach in die Knochen und das befreiende Zischen der sich lösenden Barrikade, ging beinahe in meinen Schreien unter.

Nachdem ich mich kurz gesammelt hatte, glitt ich durch die Tür und wand mich nach rechts, wo der Raumanzug hing. Meine Hand stieß in die Dunkelheit und landete wie erwartet in einem Netz aus Stoff, das sich raschelnd um die Finger legte. Wie eine Spinne krabbelten diese daran hinauf, bis sie die gläserne Kugel erreichten, die darauf thronte, und den kleinen Schalter fand, der mich aus meiner Blindheit befreien sollte.

Licht explodierte vor meinen Augen. Ich kniff sie zusammen und hob die Hand, richtete mit der anderen die Lampe nach oben.

Rote Flecken flimmerten auf meinen Lidern und während ich mich blinzelnd an die neuen Verhältnisse zu gewöhnen versuchte, führten sie kleine Tänze auf dem grellen Boden und den Wänden auf.

Die Finsternis flüchtete sich in den Schatten der Tür.

Den Raumanzug anzulegen, stellte nun keine Herausforderung mehr dar. Es war ein Manöver, das routinemäßig zu meinen Notfallübungen gehörte. Das neue Gewicht gab mir Sicherheit und genug Widerstand, um die Schleusentür hinter mir zu schließen und so auch die Dunkelheit dahinter einzusperren.

Erst danach legte ich den Helm an und öffnete die Sauerstoffzufuhr, bevor ich die Tür nach draußen entriegelte.

Unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück, als diese aufschwang und ich erkannte, dass mich auch dort nur Schwärze erwartete.

Der Stern hatte so schnell gebrannt, dass er kurz nach seiner Geburt gleich wieder kollabiert war. Ein Vorgang, der sonst Milliarden oder wenigstens Millionen Jahre benötigte, und er hatte ihn in wenigen Minuten durchlebt.

Eine Entdeckung, die mich fasziniert hätte, wenn mein Geist in diesem Moment nicht von anderen Gedanken dominiert gewesen wäre.

Ich richtete die Lampe auf die finstere Kluft. Sie konnte nichts gegen diese Mauer aus Dunkelheit ausrichten. Ihr Licht schien davon abzuprallen oder sogar darin zu verschwinden.

Nur sie auf den Boden zu senken, gab mir das Gefühl zumindest in Teilen Kontrolle über meiner Lage zu haben. Es war ein kärglicher, düsterer Kreis, kaum einen Quadratmeter groß und von allen Seiten presste sich die Schwärze gegen dieses kleine Refugium.

Es half nichts. Mit einem Schritt in die Leere überwand ich den halben Meter, der noch zwischen mir und dem Gestein gelegen hatte. Staub wirbelte bei meiner Landung auf, irrte durch den Lichtkegel und flüchtete sich zurück in die Dunkelheit.

Erleichtert stellte ich fest, dass mein Gefährt eine deutliche Spur hinterlassen hatte, die sich in der Finsternis verlor. Zögerlich entfernte ich von dem Bohrer, an dessen Außenhülle meine zitternde Hand Halt gesucht hatte, ab und tauchte ebenso in das schwarze Meer ein.

Halb schwebend, halb springend bewegte ich mich vorwärts und löste mich dabei immer wieder von meinem einzigen Anhaltspunkt. Und jedes Mal fürchtete ich, nicht zurückzufinden, mich ganz in der Finsternis zu verlieren und auf ewig in diesem unendlichen Ozean treiben zu müssen.

Doch ich tauchte immer wieder daraus hervor und landete auf der Spur im grauen Gestein.

Der Weg zerrte nicht nur an meinen Nerven, sondern auch an meinen Kräften. Das Gewicht des Anzugs, das mir anfangs so viel Sicherheit gegeben hatte, wurde mit jedem weiteren Schritt zur Last. Meine Beine und Bauchmuskeln schmerzten. Schweiß brannte in meiner Nase und die Feuchtigkeit schlug sich am Helm nieder und machte meine kleine Atmosphäre tropisch warm.

In der Finsternis konnte ich nicht feststellen, wie weit ich gekommen war, es gab keine Anhaltspunkte außer das immer gleiche graue Gestein.

Dann eroberte die Dunkelheit für den Bruchteil einer Sekunde mein Sichtfeld.

Ich erstarrte. Das Licht war zurückgekehrt, aber mir war sofort klar, dass die Energie der Lampe zur Neige ging. Sie flackerte, verlor den Kampf gegen die Finsternis.

Die Panik, die mich bei dieser Erkenntnis erfasste, gab mir den nötigen Adrenalinschub, um den Weg mit neuem Elan fortzusetzen.

Mit aller Kraft stieß ich mich ab und verlagerte im Flug mein ganzes Gewicht nach vorn, um möglichst viel Strecke gut zu machen. Jetzt war es die Schwerelosigkeit, die mir zum Hindernis wurde und aus meinem Sprint eine zeitlupenartige Choreografie machte.

Immer wieder versank nun meine kleine Welt für einen Wimpernschlag in der Finsternis. Meine Augen brannten und tränten von der Anstrengung, sich an die unbeständigen Verhältnisse anpassen zu wollen. Und nach jedem Flackern kehrte das Licht etwas schwächer zurück, die Dunkelheit zersetzte es langsam.

Die Spur zu meinen Füßen wurde immer undeutlicher und verschwamm mit dem ungleichmäßigen Grund.

Mit dem nächsten Sprung richtete ich den Kopf nach oben und versuchte die Finsternis mit dem wenigen Licht, das mir geblieben war, zu durchdringen.

Und tatsächlich glaubte ich für den Buchteil eines Augenblickes, eine Spiegelung zu sehen. Eine Reflexion auf einer glatten metallenen Oberfläche.

Dann verlosch die Lampe.

Ich kam am Boden auf und blieb wie versteinert stehen. Wartet, dass das Licht wieder ins Leben flackerte, doch es war vorbei. Die Finsternis hatte gewonnen. Wie hatte ich auch glauben können, meine kleine Lampe hätte eine Chance gegen eine Macht, die selbst einen neugeborenen Stern auslöschte.

Die Dunkelheit zog sich enger um mich. Lähmte mich, wollte mich endgültig in Stein verwandeln. Wollte mich zu einem Teil dieses trostlosen Brockens machen, der für immer ziellos durchs endlose, schwarze All flog.

„Nein!“, rief ich und erschrak vor meiner eigenen Stimme, die heißer und fremd klang.

Ich machte einen Schritt nach vorn, einen Schritt ins Ungewisse.

Die Dunkelheit um mich herum schien zu raunen. Ich war nicht sicher, ob sie beeindruckt war von meinem Kampfgeist oder über den Unwillen meine Niederlage zu akzeptieren lachte.

Tastend setzte ich den Fuß auf, zog den anderen durch den Staub und ließ ihn nur Zentimeter vor dem ersten stoppen. Bei einem Sprung wäre auch der letzte Anhaltspunkt, an dem ich mich orientieren konnte, verloren gegangen. Also schlurfte ich so weiter voran. Eine quälend langsame Art sich fortzubewegen. Und überraschend anstrengend dazu.

Die Finsternis war schuld daran. Sie zog an mir, versuchte, mich festzuhalten, und schien mit jedem meiner Schritte lauter zu werden, bis sie vibrierte.

Nein, das war mein Körper, der unaufhörlich zitterte, und mein Atem, der immer schneller ging.

Ich schloss die Lider. Hier gehörte die Dunkelheit zu mir.

Oder?

War es nicht die gleiche Lichtlosigkeit, wie auch die Schwärze des Alls? War nicht jede Dunkelheit Teil derselben großen Nacht, die alles umgab und die alles eines Tages verschlang? Städte, Planeten und sogar Sterne.

Ich öffnete die Augen wieder. Heiße Tränen krochen daraus über die Wangen.

Die Finsternis streichelte sanft meine geschundenen Glieder. Legte sich, wie eine beruhigende Decke über mich und mit einem Mal spürte ich die Müdigkeit, die ich bereits so lange mit mir herumtrug.

Meine Kräfte waren am Ende. Was machte es schon, wenn ich der Erschöpfung hier und jetzt nachgeben würde? Niemand würde mich vermissen, niemand würde von meinem Fehlen Notiz nehmen.

Ohne es zu merken, war ich auf die Knie gesunken.

Die Dunkelheit umarmte mich. Ja, ich wollte endlich ausruhen. Wollte mich erholen von den Strapazen dieser Reise, den Jahren in Einsamkeit, dem Leben.

Ich sank hinab in den Staub, rollte auf die Seite und verlor den Halt. Halb schwebend, halb fallend, glitt ich einen Abhang herunter. Überschlug mich mehrere Male und scheuerte mit den malträtierten Gliedmaßen am rauen Stein entlang.

Ich kam auf dem Rücken zum Liegen, wusste nicht, ob der Sturz meinen Anzug, die Saustofflasche oder den Schlauch beschädigt hatte. Es war mir auch egal. Blinzelnd blickte ich in den schwarzen Himmel über mir. Was für eine Bedeutung hatte mein Ableben schon in dieser Endlosigkeit? Alles verging, nur die Nacht blieb übrig. Wenn ich ein Teil von ihr wurde, konnte ich weiter existieren. Leblos und unsichtbar.

Meine Lider wurden schwer und fielen zu. Mit einem letzten tiefen Atemzug begrüßte ich die Dunkelheit.

Ein Licht empfing mich. Erst glomm es nur düster, wurde dann rot und warm. Doch das Leuchten kam nicht von der anderen Seite.

Es war ein weiterer Stern, der hinter meinen Lidern, in der Finsternis aufging.

Ich blinzelte in den neuen Schein, der die Schatten aus meinem Herzen vertrieb. Sein Licht spiegelte sich in meinem Schiff, das am Rand des Kraters, in dem ich lag, thronte.

Eine zweite Sonne keimte hier in der absoluten Leere. Und sie wuchs ebenso rasant heran, wie ihre Schwester. Und schenkte mir neue Kraft.

Jeder Muskel schmerzte, als ich mich aufraffte. Das rechte Bein war mindestens verstaucht. In meinen Ohren rauschte es und ich konnte nur hoffen, dass dies nicht das Geräusch eines Sauerstofflecks war. Schwarze Flecken krochen in mein Sichtfeld. Ich humpelte unbeirrt auf die gegenüberliegende Seite des Kraters zu.

Die Wand war nicht hoch, dafür steil und ich musste auf allen vieren hinaufkrabbeln. Das Gestein war lose und ich glitt immer wieder ab.

Über mir wurde der Stern unbarmherzig heller und heller.

Fluchend und stöhnend kam ich am Scheitel an, wo das rot glühende Gestirn inzwischen gelb leuchtete. Die Zeit war also knapp.

Ohne mein verletztes Bein zu beachten, sprang ich auf das Schiff zu. Der Knochen schrie bei der kleinsten Belastung, aber darauf konnte ich keine Rücksicht nehmen, wenn ich nicht doch noch in der Dunkelheit enden wollte.

Mit zitternden Fingern öffnete ich die Seitenschleuse. Sie schloss sich hinter mir nur quälend langsam und ich konnte durch die Öffnung den brodelnden Stern beobachten.

Die zweite Tür schob sich auf. Ich zog nur den gläsernen Helm vom Kopf, eilte, so schnell es mir möglich war, ins Cockpit und fuhr die Systeme hoch.

Für eine Analyse der Funktionen blieb keine Zeit. Wenn die Supernova des Schiffes beschädigt hatte, war ohnehin alles verloren. Ich konnte nur beten, dass das Magnetfeld zumindest die Elektronik vor dem Schlimmsten bewahrt hatte.

Die dicken Handschuhe und die Taubheit in meinen Fingern machten es mir schwerer das Pult zu bedienen. Schweiß stand mir auf der Stirn und ich war nicht sicher, ob es an der Panik oder an den steigenden Temperaturen lag.

Das Schiff hob ab.

Zunächst startete ich etwas zögerlich von dem verhassten Brocken, aber ein Blick durch das Fenster, wo der Stern nun hinter Glas loderte, ließ mich jede Vorsicht verlieren. Sein Licht brannte nun weiß und er wuchs mit jedem Augenblick schichtbar.

Mit einer beherzten Wendung richtete ich die Nase des Schiffes in die entgegengesetzte Richtung und zog die Geschwindigkeit an.

Warnlampen leuchteten auf. Ich ignorierte sie, beschleunigte die Maschinen entgegen aller Vernunft auf das absolute Maximum.

Auf einem der Bildschirme ließ ich mir den Stern anzeigen, der trotz der Entfernung, die ich zwischen uns brachte, nicht kleiner wurde.

Eine verrückte Idee kam mir in den Sinn. In einer Mischung aus Übermut und Verzweiflung nahm ich die nötigen Programmierungen vor und knüpfte den Befehl an einen der Schalter. Dann ließ ich meine schweißnasse Hand darüber schweben und beobachtete aufmerksam den Stern.

Der Riese brodelte und bei jedem Flammenstoß zuckten meine Finger. Doch ich musste auf den richtigen Moment warten.

 Und er kam, als eine Feuersbrunst den Stern zerriss.

Kurz bevor das Inferno mich traf, schnellte meine Hand hinab auf den Knopf und alle Energie wurde in die Hitzeschilde und das Magnetfeld geleitet. Nur einen Augenblick später schlug die Welle zu und nahm das Schiff mit sich.

Ich wurde auf aus dem Sitz geschleudert und landete auf dem Pult, wo die Lichter um die Wette blinkten. Gleichzeitig rollte Hitze über mich. Das Gefühl war ebenso entsetzlich, wie beim ersten Mal.

Ich sah den brennenden Ring vor meinem Fenster davonziehen. Das Schiff taumelte ihm auf der Druckwelle noch einige Zeit unkontrolliert hinterher. Nach und nach erloschen die Warnlampen und das All wurde wieder still und schwarz.

Schwer atmend ließ ich mich zurück in den Sitz fallen und starrte hinaus in die Dunkelheit, die meinen Blick drohend erwiderte. Zitternde Hände bewegten sich auf die Konsole zu und suchten den Schalter, der das Schiff neu startete.

Die Triebwerke zündeten und eine Last so schwer, wie der Stern, der eben in meinem Rücken explodiert war, fiel mir vom Herzen, als das Licht im Cockpit wieder ins Leben flackerte. Ich lachte auf. Es war vorbei. Ich hatte es tatsächlich geschafft.

Schnell schüttelte ich die Euphorie ab und machte mich daran mein Schiff zurück in sichere Gefilde zu führen. Schließlich konnte jederzeit ein weiterer Stern aus dem Nichts erwachen und sein Leben auf die gleiche Weise beenden.

Die Daten des Computers hatten keinen Schaden genommen und so konnte ich meinen ursprünglichen Kurs zurückverfolgen.

Als ich zwei Stunden später das Signal einer Sonde empfing, schaltete ich sofort den Autopiloten an und sank in meinem Sitz zusammen.

Der Erschöpfung des langen Tages nachgebend, fielen meine Lider zu und dahinter begrüßte mich die Dunkelheit, die mich bis hierher begleitet hatte. Und ich wusste, dass sie mich nie wieder loslassen würde.

Bis ich ihr am Ende doch verfallen würde.

Wie die Sterne…


© 2021 Lilli Schwarz | Alle Rechte vorbehalten

Cover von Alex Andrews auf Pexels | bearbeitet von Lilli Schwarz

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Bilder von Karolina Grabowska und Karolina Grabowska auf Pexels | bearbeitet von Lilli Schwarz

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