Wild wuchernder Klee in Nahaufnahme.
Kurzgeschichte

Roter Klee


Das weite Feld vor mir, sah genauso aus, wie in meiner Erinnerung. Es war überwuchert mit blühendem Klee. Die rosa und violetten Blüten überragten das Gras und wankten im Wind, als würden sie zu einer stummen Melodie tanzen.

Ich schlenderte auf dem schmalen Weg durch das grüne Meer, auf das Haus zu, das darin schwamm und mir zuzulächeln schien.

Die Veranda knarzte vertraut unter meinen Schritten, während ich in dem Chaos meiner Handtasche nach dem Schlüssel kramte. Nachdem das widerspenstige Ding ihn endlich ausgespuckt hatte, steckte ich ihn in das verrostete Schloss.

Die Tür schwang mit einem Ächzen, das klang, als würde sie im nächsten Moment aus den Angeln brechen, auf und gab den Blick auf einen fast quadratischen, fensterlosen Flur frei.

Zwei Türen gingen von dem Raum ab. Eine lag in der Wand geradezu, eine rechts von mir. Letztere war mit Milchglas ausgestattet, durch welches ein schmaler Streifen natürliches Licht in das sonst düstere Zimmer fiel. Die Staubflusen, die darin wirbelten, setzten sich auf die Mäntel, die an der Garderobe hingen, als hätte sie jemand erst kürzlich dort abgelegt.

Ich wand mich der Milchglastür zu. Bilder von einer dicklichen Frau in einer Schürze, die über und über mit Mehl beschmiert war, kamen mir in den Sinn und mit einem Mal schien der Geruch von Pfannkuchen und selbstgemachter Marmelade in der Luft zu hängen.

Mit einem melancholischen Lächeln schob ich die Tür auf und trat in die geräumige Küche.

Aus den Schränken suchte ich Kaffeepulver und Filter heraus, ließ das Wasser aus dem rumpelnden Hahn eine Weile laufen, ehe ich etwas davon abzapfte und schaltete schließlich die Kaffeemaschine an. Mit einem Höllenlärm erwachte das uralte Ding zu neuem Leben.

Während die Maschine vor sich hin blubberte, wandte ich mich dem Fenster zu, das direkt über der Spüle lag und auf einen sanften Hang blickte, auf dem sich die Flut von Klee fortsetzte.

Verträumt folgten meine Augen dem Wind, der in Wellen durch die Pflanzen fegte.

Das Haus um mich herum schien wohlig zu brummen und mich willkommen zu heißen.

Erst, als mein Bruder seine Aktentasche geräuschvoll auf den Tisch fallen ließ, fuhr ich herum.

„Meine Güte, Niki, du hast mir vielleicht einen Schreck eingejagt.“, sagte ich erleichtert und versuchte mit einem Lächeln, der angespannten Stimmung vorzubeugen.

Der Mann mit den zurückgegelten, schwarzen Haaren, wirkte in seinem blauen Anzug viel älter, als er war.

„Warst du schon oben?“, fragte er, den Blick auf die Tür zum Wohnzimmer gerichtet.

„Ich bin auch grade erst angekommen.“ Nun war mein Ton doch genervt. Er hatte mich nicht einmal begrüßt. „Ich dachte, du bist sicher genauso erschöpft wie ich, wenn du hier ankommst, deswegen…“ Ich deutete auf die Kaffeemaschine.

Niki folgte meinem Finger mit den Augen, doch sein Blick ging in eine Ferne, die ich nicht ergründen konnte.

„Eigentlich würde ich das hier gern so schnell wie möglich hinter mich bringen. Ich habe aufgeschrieben, welche Dinge ich mitnehmen will.“ Er kramte in seiner Aktentasche und legte ein Stück Papier auf den Tisch.

Natürlich hatte er eine Liste. Er hatte immer eine Liste.

Ich verstand die unausgesprochene Aufforderung, ignorierte sie aber. Stattdessen kramte ich in einem der Schränke nach zwei Tassen, füllte beide mit Kaffee und stellte eine auf den Tisch, darauf bedacht, dass sie zumindest auf einer Ecke des Zettels stand. Ich wusste, dass das meinen Bruder wahnsinnig machen würde.

Wie auf Kommando nahm er die Tasse und schob das Blatt etwas weiter zu mir.

„Der Kühlschrank ist schon ausgeräumt, es gibt also keine Milch. Vielleicht ist noch Kaffeesahne da.“, kommentierte ich und begann in einem der Hängeschränke danach zu suchen.

 „Ich kann das auch allein.“, beschwerte mein Bruder sich.

„Nein, nein, ist schon gut. Wofür hat man denn eine größere Schwester?“, stichelte ich mit einem Augenzwinkern.

„Ältere.“, murrte er, als ich ihm zwei von den kleinen Packungen in die Hand drückte. Er nahm sich einen Löffel aus der Schublade und für ein paar Minuten standen wir wortlos da und nippten an unseren Tassen.

„Das Zeug schmeckt widerlich.“, meckerte Niki weiter.

„Tja, wir können uns nicht alle feinste Arabica-Bohnen von ausgebeuteten südamerikanischen Arbeitern leisten.“, höhnte ich.

Nikis Kiefermuskeln traten hervor. „Ich kaufe Fairtrade.“

„Damit kaufst du dir höchstens ein gutes Gewissen.“, belächelte ich seine Naivität.

Er massierte sich die Nasenwurzel. „Wollen wir das hier wirklich so anfangen?“

„Du hast dich über Omas Kaffee beschwert.“ Schmunzelnd nahm ich einen großen Schluck.

Er seufzte. „Können wir einfach das Thema wechseln? Ich will mich heute wirklich nicht mit dir streiten.“

„Einverstanden. Wie geht es Lisa?“ Ich versuchte gar nicht erst, den schnippischen Ton zu vermeiden.

Niki zögerte einen Moment. „Gut…es geht ihr…gut.“ Er wich meinen Blick aus. „Sie ist schwanger.“

Ich hob die Augenbrauen. „Wolltet ihr Kinder?“

Er zog die Schulter hoch. „Es war nicht direkt geplant, aber…“

„Na du klingst ja richtig begeistert.“, neckte ich ihn sarkastisch.

„Ja, es fällt mir im Moment schwer, mich darüber zu freuen.“, antwortete er gereizt. „Deswegen wollte ich es dir auch nicht ausgerechnet heute sagen. Aber…ich dachte mir, Ausreden werde ich wohl immer finden.“

Ich trank meinen Kaffee.

„Willst du nichts weiter dazu sagen?“, fragte Niki.

„Was soll ich denn sagen?“

Er ließ die Schultern hängen. „Keine Ahnung.“

Mit einem Seufzen gab ich nach und nahm die Liste, die noch immer auf dem Tisch lag, an mich.

Darauf standen ein paar Stofftiere mit den Namen, die wir ihnen als Kinder gegeben hatten; einige Bücher, aus denen meine Oma uns immer vorgelesen hatte; Großvaters alte Uhr, die er selbst gebaut hatte und auf die er sehr stolz gewesen war und Omas Schal, den Niki einmal einen Sommer lang getragen hatte, weil er andauernd Halsschmerzen bekam. Nichts davon hätte ich wirklich haben wollen. Außer der Sache, die ganz unten stand.

„Du willst das Kleebild?“, fragte ich lauernd.

Nikis Adamsapfel tanzte auf und ab. „Ich dachte mir schon, dass du das auch haben willst.“

Langsam legte ich den Zettel wieder ab. „Ich habe noch nicht wirklich darüber nachgedacht.“, gab ich zu und trank den letzten Rest Kaffee aus. „Eigentlich möchte ich mich von nichts hier trennen.“ Ich drehte mich zur Spüle und stellte meine leere Tasse darin ab.

„Ja.“, wisperte Niki. „Komisch wieder hier zu sein, oder? Es fühlt sich an, wie früher und dann wieder ganz anders.“

Ich starrte aus dem Fenster. Der Wind hatte sich gelegt und der Klee stand nun starr dort, als wäre er eingefroren.

Schritte nährten sich. Ich fuhr herum und Nikis Tasse zersprang am Boden.

„Verdammt!“, fluchte er und hockte sich hin, um die Scherben aufzuheben. „Pass doch etwas besser auf.“

„Du hast sie doch fallen lassen.“, erwiderte ich amüsiert.

Er schüttelte nur den Kopf und klaubte weiter die Bruchstücke zusammen.

„Warte, ich helfe dir.“ Ich kniete mich hin und half ihm, das Chaos zu beseitigen.

In dem Gewirr aus Scherben und Händen zog Niki seine plötzlich mit einem Schmerzensschrei zurück. Blut tropfte auf den Boden.

Ich lächelte nachsichtig. „Ich hol dir ein Tuch.“

„Nein! Lass es einfach.“, motzte mein Bruder, stand auf und griff sich ein Küchentuch von der Arbeitsplatte.

Schulterzuckend machte ich mich wieder daran die restlichen Splitter einzusammeln. An einem davon klebte Nikis Blut.

Dann holte ich Handfeger und Schaufel und beseitigte auch die letzten Spuren des Missgeschicks.

„Du musst wirklich besser aufpassen.“, mahnte ich.

Er sah mich mit regloser Miene an. „Dieses Haus scheint eben unsere schlechten Seiten hervorzubringen.“, stellte er mit einem sonderbaren Unterton fest. Er sah sich die Wunde an. „Ich sollte ein Pflaster draufkleben, aber erstmal sammle ich hier unten alles ein.“ Dann warf er das blutige Stück Stoff in den Mülleimer und griff sich den Karton, den er mitgebracht hatte.

Ich ging vor, öffnete die Wohnzimmertür und trat in einen Schwall aus Sonnenlicht. Der größte Raum des Hauses, war zugleich der hellste. Eine Front aus hohen Fenstern nahm beinahe die komplette Rückseite ein.

Zwei Möbelstücke dominierten den Raum. Das erste war der Esstisch, der vor der Vitrine mit dem guten Porzellan und einigem Nippes stand.

In meiner Erinnerung sah ich Teller gefüllt mit Spagetti und Tomatensoße darauf stehen, hörte Großvater über die Schweinerei schimpfen, die mein Bruder beim Essen anrichtete, und sah mich triumphierend vor einem Brettspiel sitzen, während meine Oma den beleidigten Niki tröstete. Er war nie ein guter Verlierer gewesen.

Eine kleine Kerbe zierte die Tischkante. Das Überbleibsel eines alten Missgeschicks meines Bruders, der beim Fangenspielen dagegen gelaufen war.

Dann war da noch das Bücherregal. Es nahm eine ganze Wand ein und war bis oben vollgestopft. Hauptsächlich mit Krimis, aber eine kleine Ecke war reserviert für Märchen- und Kinderbücher.

Vor dieser stand Niki jetzt, zog einige davon heraus und warf sie in seine Kiste.

Zwei Sessel standen mit Blick zum Fenster neben dem Regal. Auf dem Polster des einen lag eine dicke Staubschicht.

Wieder krochen Bilder in mein Bewusstsein. Eine dampfende Tasse, aus der es herrlich nach Kakao roch. Meine Oma in ihrem Sessel und einem Buch in der Hand, aus dem sie uns vorlas. Niki, der den Platz auf ihrem Schoß eingenommen hatte. Großvater, der seine Zeitung knisternd umblätterte.

Zärtlich strich ich über die Lehne von Omas Sessel und ließ mich hineinsinken.

Niki warf mir einen kurzen Blick zu, setzte dann aber still seine Suche fort.

Ich sah nach draußen, auf die kleine Terrasse und den blumenbewachsenen Hang. Der sonst so gepflegte Garten war jetzt von Sträuchern und Unkraut überwuchert. Selbst der Klee hatte schon einen Teil davon erobert.

Die Insekten schien das jedoch nicht sonderlich zu stören. Um die Blüten surrten dicke Hummeln und Schmetterlinge hockten auf den Dornen der Rosenbüsche.

Hinter einem dieser Büsche führte eine Treppe aus natürlichen Steinen in den Klee. Das Grundstück war nicht eingezäunt. Erst in mehreren Meter Entfernung wurde es von benachbarten Feldern abgegrenzt.

„Erinnerst du dich noch, wie du die Treppe im Garten runtergefallen bist?“, fragte ich schmunzelnd.

Niki hielt einen Moment inne, dann legte er das letzte Buch in die Kiste und murmelte im Aufstehen: „Ich bin nicht gefallen.“

Ich sprang auf und knuffte ihm in die Schulter. „Sicher bist du das. Erinnerst du dich nicht?“

Er starrte mich wieder mit diesem reglosen Ausdruck an.

„Du hast beim Heruntergehen eine Stufe verfehlt und bis gestolpert. Diese Steintreppe ist zwar hübsch, aber auch verdammt glatt und du warst ja schon immer etwas ungeschickt.“, zog ich ihn auf.

Mit einem Kopfschütteln drückte er sich an mit vorbei. „Möglich, kann mich kaum erinnern.“, gab er tonlos zu und lief auf die Treppe zu.

An ihrem Fuß aber, hielt er inne. Unsicher musterte er seine Schuhe, als würde er dort den Grund für seine plötzliche Lähmung finden. Dann hob er den Blick wieder und starrte die Stufen an.

Amüsiert schob ich mich an ihm vorbei und lief nach oben. „Verlierst du gerade einen Starrwettbewerb gegen einen unbelebten Gegenstand?“, fragte ich neckisch.

Er schluckte, dann atmete er schnaufend aus und folgte mir mit zittrigen Schritten.

Der Treppenabsatz lag im Dunkeln. Wie auch im Flur, gab es hier kein Fenster, also knipste ich das Licht an.

An der Wand gerade zu hingen Fotos unserer Familie. Auf vielen davon lächelte meine Oma in die Kamera.

Niki blieb wie hypnotisiert vor ihnen stehen. „Weißt du, ich habe überlegt, wenn es ein Mädchen wird, könnten wir es Katharina nennen.“

„Weiß Lisa schon davon?“, fragte ich hämisch.

Er schüttelte den Kopf. „Vielleicht auch nur als Zweitname.“

Ich verschränkte die Arme und sagte mit zynischem Ton: „Ich weiß ja nicht, ob ich das für eine gute Idee halte.“

„Zum Glück ist es nicht deine Entscheidung.“, antwortete Niki trocken und lief ins Bad.

„Darf ich dir jetzt nicht mal mehr meine Meinung sagen?“, stichelte ich.

Er stellte den Karton auf der Toilette ab und suchte aus dem Spiegelschrank ein Pflaster heraus. „Schon, aber du könntest auch mal etwas positives beitragen.“

„Wer hat denn gemeint, er könnte sich im Moment nicht richtig freuen?“, fragte ich schnippisch.

„Das meine ich nicht und das weißt du auch.“ Er wusch den Schnitt an seiner Hand aus und klebte dann das Pflaster darauf.

Mein Blick fiel auf die Badewanne und wieder überrollten mich alte Erinnerungen. Niki und ich spielten im Wasser mit Plastikbooten Piraten, schmierten uns Bärte aus Schaum ins Gesicht oder spritzten uns einfach nur gegenseitig nass, bis das ganze Bad überschwemmt war.

Auch hier hatte es ein Missgeschick meines Bruders gegeben. Er war beim Aussteigen ausgerutscht und nicht mehr hochgekommen. Großvater war hereingekommen und hatte ihn vor dem Ertrinken bewahrt.

„Ich weiß einfach nicht, ob du der Vaterrolle gewachsen bist.“, teilte ich meine Sorge etwas abschätzig mit.

Wieder dieser reglose Blick. „Ich glaube ehrlich gesagt, das Problem liegt woanders.“, mutmaßte er zögerlich. „Weißt du, ich bin seit ein paar Jahren in Therapie.“

„Das klingt, als ob ich gar nicht so falsch liege.“, neckte ich ihn.

Er schüttelte den Kopf. „Hör zu, ich habe dort viel über unsere Kindheit gesprochen und meine Therapeutin denkt, dass unsere Beziehung so verfahren ist, weil du uns, wie damals schon, noch immer als Konkurrenten siehst.“

„Na, wenn deine Therapeutin das sagt.“, spottete ich und lief ins Kinderzimmer.

Dort begrüßte mich das alte Hochbett und in meiner Erinnerung sah ich, wie ich es mit Tüchern verhängt und so eine Höhle gebaut hatte, in die ich Niki nicht hineinlassen wollte.

Dieser kam jetzt hinter mir ins Zimmer, öffnete den Mund zu einer Erwiderung, schwieg dann aber. Stattdessen stellte er seine Kiste auf mein Bett und zog die lange Schublade darunter auf, in der wild durcheinander die alten Spielsachen lagen.

Ich sah mich weiter im Zimmer um. Unter der Dachschräge standen eine Kommode und ein Regal, gefüllt mit Brettspielen, Kassetten inklusive Recorder und einige Comics.

Durch das Dachfenster darüber konnte ich auf das Kleefeld und die Straße dahinter spähen, wo Nikis Wagen hinter meinem eigenen geparkt war.

An den Wänden hingen überall Bilder, die mein Bruder und ich gemalt hatten. Eines von seinen, es zeigte einen Astronauten, war in der Mitte durchgerissen und mit Klebeband repariert worden.

Schließlich hockte ich mich neben Niki. „In der Kommode sind sicher auch noch Kinderklamotten.“, sagte ich mit ironischem Ton.

Er ignorierte meine Häme und antwortete nüchtern: „Die meisten davon sind schon zweimal getragen. Ich werde mein erstes Kind sicher nicht in Hosen voller Flicken stecken.“

Lustlos griff ich in den Kasten und schob Stofftiere, Playmobil-Figuren, Teile einer Holzeisenbahn und eines Kaufmannsladens in Puppengröße hin und her.

Mein Bruder packte einiges davon in seine Kiste, ich selbst fand aber nichts, das mich ansprach, und schob die Schublade schwungvoll zu.

„Scheiße! Bist du Irre?!“, blaffte Niki.

„Was denn?“, fragte ich unschuldig.

„Ich habe grade so noch die Hand rausbekommen.“, jammerte er vorwurfsvoll.

„Dachte du wärst fertig.“, gab ich ungerührt zurück.

Seine Stirn legte sich in Falten. „Weißt du, vielleicht würde dir eine Therapie auch ganz guttun.“ Er stand auf und nahm den Karton wieder an sich.

„Hat dir das auch deine Therapeutin gesagt? Braucht sie neue Patienten?“, höhnte ich.

„Nein, das kommt von Lisa.“

Ich verdrehte die Augen. „Klar denkt sie das, sie kann mich schließlich nicht leiden.“, stellte ich mürrisch fest und wandte mich zum Gehen.

Nikis Blick war noch immer finster. „Eigentlich ist es eher umgekehrt.“, maulte er mir hinterher.

Mit langen Schritten trat ich aus dem Raum und durch die letzte Tür ins Schlafzimmer. Auch dieses wurde von Dachfenstern erhellt. Sie warfen verzerrte Lichtquadrate an die Wand über dem Ehebett. Genau zwischen ihnen hing, in einem weißen Holzrahmen, ein Stück Papier, das fast vollständig mit vierblättrigen Kleeblättern bedeckt war. Am unteren Rand stand: Von Leo und Niki, für Omi.

Mein Bruder trat mit seinem inzwischen gut gefüllten Karton in den Raum und betrachtete das Bild mit einem Seufzen. Dann stellte er seine Beute ab und lief auf die Tür zu Großvaters Büro zu. Nur Momente später kehrte er mit der Uhr zurück, die er sorgsam in die Kiste legte. Als Nächstes trat er an die Kommode, um den Schal von seiner Liste zu suchen.

Ich öffnete derweil etwas ziellos den Kleiderschrank und schob unmotiviert die Klamotten darin von einer auf die andere Seite. An einem der Stücke aber, blieb ich hängen und zog es heraus.

Es war ein Sommerkleid mit kurzen Ärmeln, etwas, das meine Oma sicher seit Jahren nicht getragen hatte. Ein einfacher Schnitt mit knielangem Saum. Der Soff hatte ein sanftes Beige und war überzogen von sich überschneidenden, gekrümmten Linien in unterschiedlichen Farben. Die rosa, violetten, gelben und braunen Kurven machten den Eindruck eines Traumfängers, der von den Falten verzogen wurde.

„Das kenne ich gar nicht.“, sagte Niki plötzlich hinter mir.

„Es muss aus Omas Jugend sein.“, erwiderte ich. „So zierlich war sie nicht mehr.“

„Probier es an.“, forderte er.

Ich kräuselte die Lippen und antwortete schnippisch: „Auf die Idee wäre ich auch allein gekommen.“

Mein Bruder wurde kleinlaut. „War ja nur ein Vorschlag.“

„Von denen hast du ja heute einige für mich.“, knurrte ich und hielt das Kleid vor mir in den Spiegel.

Zugegeben, die Idee war nicht einmal schlecht. Es gefiel mir. Schlicht und doch bunt. Genau wie meine Oma. Genau, wie dieses Haus.

Ich verschwand im Büro, um mich umzuziehen. In den Regalen herrschte noch immer das alte Chaos. Niki hatte nur die wichtigsten Unterlagen für die Beerdigung und den Nachlass aus dem Durcheinander geborgen. Und die Papiere für den Verkauf des Hauses.

Das Kleid passte wie angegossen. Ich trat aus der Tür, um mich im Spiegel zu betrachten, doch erstarrte im Türrahmen.

Niki saß auf dem Bett, das Kleebild auf dem Schoß.

Obwohl ich jetzt barfuß war, stampfte ich an ihn heran. „Wolltest du es heimlich mitnehmen, oder was?“, keifte ich.

Er sah nicht einmal zu mir hoch. „Sei nicht albern. Warum würde ich sonst noch hier sitzen?“ Sein Ton war bitter.

Ich streckte die Hand aus und verlangte: „Gib es mir.“

Nun hob er die trüben Augen. „Weißt du, ich habe die meisten dieser Kleeblätter gefunden. Du warst bei der Suche immer zu ungeduldig.“

„Und deswegen solltest du das Bild natürlich bekommen, oder wie?“, zeterte ich weiter.

„Nein, so war das nicht gemeint.“ Er wirkte müde. „Ich habe sie damals mit dir geteilt, weil…weil man das unter Geschwistern so macht.“

Ich deutete auf die volle Kiste. „Wenn das so ist: Du hast schon so viel genommen, da steht das Bild dann wohl mir zu.“

Sein Blick traf meinen. Dann driftete er ab und er hielt mir den Rahmen hin.

Ich griff danach und drückte ihn an die Brust.

Niki erhob sich vom Bett, nahm den Karton und trottete der Tür entgegen. „Ich hatte irgendwie gehofft, wir könnten es uns teilen. Es vielleicht zerschneiden, dann hätten wir beide eine Hälfte haben können“.

„Allein, dass du das vorschlägst, beweist, dass ich es mehr verdiene.“, behauptete ich.

Wieder ein Kopfschütteln. „Das ist nicht wie bei Salomon. Es ist kein Kind, es ist nur ein Stück Papier.“

Nur ein Stück Papier?“ Ich sprang hinterher und versperrte ihm den Weg. „Sind diese Dinge in der Kiste etwa auch nur Sachen?“, fragte ich empört.

Er zuckte mit den Schultern. „Sie mögen Erinnerungen wecken, aber ja es sind Gegenstände.“

„Dann solltest du sie nicht haben.“, beharrte ich.

„Sei nicht albern.“, erwiderte er und drückte sich an mir vorbei, doch ich blieb direkt hinter ihm.

„Ich bin nicht albern, du bist herzlos. Dir haben dieser Ort und Oma nie so viel bedeutet, wie mir.“, zischte ich verächtlich.

Er hielt am Treppenabsatz inne und drehte sich um. „Das ist eine Lüge und das weißt du!“

„Nein, das ist es nicht. Und ich sage dir noch etwas.“ Ich stellte mich direkt vor ihn und funkelte ihn an. „Oma hat mich immer lieber gehabt als dich.“

Nikis Adamsapfel tanzte, als er schwer schluckte. Seine Augen schimmerten feucht. „Weißt du, ich habe wirklich geglaubt, dass Omas Tod zumindest bewirken würde, dass wir uns näherkommen. Aber da habe ich mich wohl geirrt.“ Er wollte sich abwenden, doch ich griff nach der Kiste und hielt sie fest. „Was soll das?“, fragte er kraftlos.

„Ich hab es dir schon gesagt, du kannst die Sachen nicht haben, sie gehören mir.“, erklärte ich kühl.

„Komm schon, Leo. Hör auf.“ Er zerrte an der Box. „Lass einfach los und ich verschwinde aus deinem Leben. Das ist vermutlich besser für uns beide.“

Ich nickte langsam. „Ja, da hast du wohl recht.“

Mit einem Ruck löste sich der Karton aus meinem Griff. Dann stolperte Niki einen Schritt zurück, über den Treppenabsatz. Sein Fuß trat ins Leere und für einen Moment, der sich vor meinen Augen in Zeitlupe abspielte, sah ich den Schrecken in seinem Gesicht.

Hilfesuchend streckte er die Hände nach mir aus und ließ dabei die Kiste fallen. Sie kam auf der obersten Stufe auf und ergoss ihren Inhalt über die Treppe.

Lose Seiten flatterten aus den Büchern und nahmen geliebten Märchenfiguren ihr Zuhause. Die Eisenbahn stürzte laut scheppernd hinab. Stofftiere überschlugen sich mit stummen Schreien, als sie die Treppe herunterkullerten. Großvaters sorgsam zusammengebastelte Uhr zersprang in ihre Einzelteile.

Das Tosen war schnell wieder vorbei und nur das Raunen meines Zufluchtsortes blieb zurück.

Langsam stolzierte ich die Treppe hinab, eine Hand auf dem Geländer und spürte den Saum des Kleides mit jedem Schritt wippen.

Unten angekommen wich ich der Blutlache nicht aus. Die warme Flüssigkeit umspülte meine nackten Füße, während ich mich über Nikis Gesicht beugte.

„Leonie…hilf mir…bitte…“, röchelte er.

„Ja, Brüderchen, ich helfe dir.“, beruhigte ich ihn mit sanfter Stimme und kniete mich in das Blut. Dann hob ich das Bild, das ich noch immer an die Brust gedrückt hatte, mit beiden Händen über seinen Kopf.

Seine Augen weiteten sich. „Nein…bitte…“

Die Ecke des Rahmens knackte unter dem Aufprall. Holz und Glas splitterten und schnitten mir in die Finger. Blut beschmutzte das Kleebild.

Immer wieder schlug ich zu, bis Niki aufhörte zu stöhnen.

Die letzten Sonnenstrahlen verschwanden hinter dem Haus. Ich stand im Kleefeld, vor einem kleinen Stück offenliegender Erde. Die Pflanzen würde schon in wenigen Tagen darüber wachsen, da war ich sicher.

Ich betrachtete das Kleid, dessen Stoff nun mehr rot, als beige war. Doch mein Ärger über Nikis Missgeschick war verflogen. Er hatte es ja nicht absichtlich ruiniert.

Der Sonnenuntergang färbte das Kleefeld rot und ließ das Haus darin warm leuchten.

Endlich gehörte mein Zufluchtsort wieder mir allein.


© 2021 Lilli Schwarz | Alle Rechte vorbehalten

Cover von Burst auf Pexels | bearbeitet von Lilli Schwarz

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Bilder von Karolina Grabowska und Karolina Grabowska auf Pexels | bearbeitet von Lilli Schwarz

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