Ein Schwarm von Bienen, die einzelnen Insekten krabbeln über verschiedenen Bruchstücke von Waben.
Kurzgeschichte

Schwarmdenker


Die Sirene dröhnte durch die Flure. Adjines schwere Stiefelschritte hallten vom Metallboden wider und steigerten den Lärm zu einem ohrenbetäubenden Intermezzo.

Vor ihr preschten zwei weitere Flieger aus einer Tür und sprinteten den Gang entlang. Die beiden Männer blockierten den Weg, sodass Adjine sie nicht überholen konnte und erst nach ihnen auf der Plattform eintraf.

Dort hatte die Nacht ihre Arme über den Türmen des Stützpunktes ausgebreitet. Nur wenige Sterne schimmerten hinter der Wolkendecke, die wie grauer Nebel in der Luft waberte.

Adjine hetzte zu ihrer Libelle. Mit einem Satz sprang sie auf das schlanke Gefährt und legte sich bäuchlings in den Sitz. Das kühle Metall schmiegte sich an ihre Kurven, als wäre es nur für sie gemacht.

Sie setzte die Maske auf, während ihre Füße sich in die Halterungen schoben. Dann griff sie an die Steuerhebel und startete den Motor. Sofort begannen die Flügel zu brummen und schickten ihre Vibrationen in Adjines Bauch. Mit einem Grinsen bemerkte sie, dass sie noch vor den Männern abhob.

Nach und nach stiegen dutzende weitere Libellen von den umliegenden Türmen auf.

Erwartungsvoll sah Adjine sich um.

Da endlich schossen wie aus dem Nichts drei Wespen an ihr vorbei und setzten sich an die Spitze des Schwarms. Die übrigen Flieger folgten ihnen, während die ersten Informationen durchgegeben wurden.

„Feind Richtung Nordnordost, Kontakt in etwa drei Minuten. Wespen-Schwadron folgt mit sechzig Sekunden Verzögerung.“

Für einige Momente flog eine der Wespen direkt vor Adjine her. Sehnsüchtig bewunderte sie die filigrane Maschine. Die zwar kürzeren, aber kräftigeren Flügel, ermöglichten den aufrechten Flug. Der Pilot war im Bauch des Insektes festgeschnallt und blickte durch den durchsichtigen Thorax. Zu seinen Füßen krümmte sich das Hinterteil nach vorn. Darin schimmerte der Stachel im fahlen Mondlicht.

Dann wurde das Licht abgeschnitten. Adjine schaute auf. Der Himmel war noch immer bewölkt und der Mond brach nur hin und wieder durch den Dunst, aber der Schatten eben war schneller gewesen als die gemächlich treibenden Schwaden.

Ihre Augen tasteten die Wolkendecke ab.

Da! Pfeilschnell huschte der lange Umriss über sie hinweg.

„Kontakt! Über uns, auf Ein Uhr!“, bellte sie ins Funkgerät und sofort formierten sich der Schwarm. Die Wespen fielen zurück, während Adjine mit den Libellen aufstieg, bis sie durch die Wolken brachen.

Der Vollmond empfing sie groß und leuchtend, davor die schlangenhafte Silhouette. Das Wesen glitt auf den Himmelskörper zu. Dann fuhr sein Kopf nach oben, wobei die Mähne in Wellen hinter ihm hertrieb. Mit einer Geschwindigkeit, die mit den sanften Bewegungen kaum zu erklären war, wand sich der Körper zu einer Schleife, wechselte die Richtung und jagte auf den Schwarm zu.

Adjines Puls war gleichmäßig und trotz der bedrohlichen Kraft, die das Tier ausstrahle, bewunderte sie für einen Moment, wie das Mondlicht sich in den weißen Schuppen brach und einen Regenbogen darauf zeichnete. Die Schönheit dieses Wesens stand in so absurdem Gegensatz zu der Gefahr, die von ihm ausging. Seine Augen waren golden und sein Blick gütig. Die langen Schnurrhaare an seiner kantigen Schnauze wirkten wie der Bart eines weisen Mannes. Nur die Vorstellung der nadelspitzen Zähne, die hinter dem gewaltigen Maul lagen, sandte ein sachtes Kribbeln durch Adjines Körper.

„Auflösen!“, kam der Befehl rein und der Schwarm stob auseinander, nur einen Augenblick, bevor der Drache durch ihn hindurchbrach.

Die Libellen vollführten ein raffiniertes Manöver und nahmen die Verfolgung auf. Der Wind in Adjines Ohren übertönte fast das Geknatter der Fluggeräte.

Das Monstrum bremste ab, um die Richtung zu wechseln. Der erste Angriffstrupp erkannte die Chance und die Flieger machten sich bereit, indem sie sich in einem Kreis formieren.

„Salve eins!“

Elektrisches Surren erfüllte die Luft, als die ersten Geschosse abgefeuert wurden.

Der Drache schrie und wand sich nach hinten.

Wieder lösten sich die Libellen auf.

Klauen schlugen nach den viel zu flinken Zielen, das Maul schnappte in Leere.

Rechts, links, auf, ab, die Hektik belebte Adjine. Mit klopfendem Herzen fieberte sie ihrem Einsatz entgegen. Es würde nicht mehr lange dauern, bis auch sie ihren Beitrag leisten konnte.

Der Schwarm erreichte den Hals.

„Salve zwei!“

Knisternd tanzten kleine Blitze über die Schuppen. Ein weiterer Schrei. Das Tier wurde noch wilder, noch unkontrollierbarer. Der ganze Körper zuckte unbeherrscht hin und her. Nur haarscharf verfehlte der Schweif Adjines Libelle. Sie tauchte ab, routiniert und völlig unbeeindruckt von dem Schicksal, dem sie bloß knapp entkommen war. Rasch stieg sie wieder auf und befand sich plötzlich im Angesicht eines der goldenen Augen.

Adjine wartete darauf, dass Panik sie erfasste, doch gegensätzlich dazu wurde sie ruhiger. Für einen Atemzug blieb die Zeit stehen und sie verlor sich in dem brennenden Blick, der in der dunklen Nacht, wie eine Sonne loderte.

Die perfekte Gelegenheit. Es war keine Zeit, auf einen Befehl zu warten.

Sie drückte ab.

Das flehende Auge verschwand hinter dem Lid, als die elektrische Ladung darin explodierte. Ruckartig zog der Drache den Kopf zurück und gab ein schmerzhaftes Jaulen von sich.

Der Luftstoß erfasste Adjine und schleuderte sie nach hinten. Ihre Libelle überschlug sich, doch sie hielt sich im Sitz.

„Salve drei!“

Die restlichen Libellen feuerten und ein langgezogenes Wimmern erfüllte die Nacht.

Die Wespen tauchten wie Geister in dem Chaos auf. Etwa dreißig Maschinen sammelten sich um den zuckenden Körper.

„Rückzug!“

Adjine gehorchte, flog aber rückwärts, um beobachten zu können, was als Nächstes geschah.

In einer meisterhaften Choreografie schossen die Wespen ihre Stachel ab. Die Harpunen bohrten sich durch die Schuppen in die Haut des Drachen.

Sein Brüllen übertönte jedes andere Geräusch.

Dann gingen die Wespen in den Sturzflug und zogen den Schlangenkörper hinter sich her. Der Kopf des Tieres stürzte zuletzt hinab, als würde er sich noch einen Augenblick lang an irgendetwas festhalten.

Kurz vor dem Aufprall kappten die Wespen die Seile, wichen zu den Seiten aus und das Monstrum krachte in den Boden. Gesteinsbrocken flogen durch die Luft und der Erdboden verschwand hinter einer dicken Staubwolke. Der Lärm war ohrenbetäubend.

Die Wespen umkreisten das Gebiet und die Libellen sammelte sich etwas abseits.

Als die Wolke sich löste, kam der Drache wieder zum Vorschein. Reglos lag er in einem ungesund aussehenden Knoten da. Die Augen waren geschlossen, die Schuppen glänzten nicht mehr. Nur die Mähne bewegte sich noch immer im Wind.

„Lebenszeichen vorhanden.“, kam es über Funk. „Ameisen sind auf dem Weg und holen das Ziel ab. Libellen, zurück zum Stock.“

Knatternd drehten die Maschinen ab. Nur eine Libelle schwebte eine Sekunde länger auf ihrer Position.

Adjine starrte hinab in den Krater und auf den Drachen, dessen Augen nun offen waren. Sein bitterer Blick lag allein auf ihr, seiner Peinigerin. Doch er war weder entsetzt noch furchtsam, nur voller Mitleid, als wäre sie das zur Strecke gebrachte Tier.

„Sergeant Yangin, zurück zum Stock!“

Erschrocken erwachte Adjine aus ihren Gedanken. „Verzeihung, Sir.“ Glücklicherweise hatte der Capitan sie über einen privaten Kanal angefunkt. Für die anderen Flieger war auch eine solche Kleinigkeit ein gefundenes Fressen.

„Alles in Ordnung?“ Er klang besorgt. Adjines Magen verkrampfte sich vor Wut. Über sich selbst und über ihn. Sie war sicher, dass er den Männern keine derartige Frage gestellt hätte.

„Positiv, mache mich auf den Rückweg.“

Es entstand eine kurze Pause. Dann fügte Capitan Vredek hinzu: „Melden sie sich morgen um null achthundert in meinem Büro.“

Adjine schmunzelte. „Ja, Sir.“

Sie war pünktlich, wie immer. Um exakt acht Uhr klopfte sie an Capitan Vredeks Tür.

„Eintreten, Yangin.“

Sie gehorchte.

Der Capitan saß an seinem Schreibtisch, auf dem makellose Ordnung herrschte. Die Stifte waren sortiert, alle Papiere sorgfältig abgelegt, nur vor ihm lag eine aufgeschlagene Akte. Adjines Akte.

Als der Capitan ihr bedeutete, sich zu setzen, gehorchte sie erneut.

„Sie können sich wohl denken, warum ich sie herbestellt habe.“, begann er. Adjine hatte nichts anderes erwartet. Vredek vergeudete ungern Zeit.

„Ich vermute, es geht um mein Verhalten während der Jagd gestern.“. Sie bemühte sich, das Lächeln zu unterdrücken. Sie wollte nicht überheblich wirken.

„Exakt. Sie haben eigenmächtig einen Angriff ausgeführt, statt auf meinen Befehl zu warten. Welche Begründung haben Sie für diesen Fehltritt?“

Fehltritt? Adjines Miene blieb emotionslos, obwohl sie sich über die negative Wortwahl wunderte. Auch ihre Stimme war ruhig und gefasst.

„Sir, ich habe lediglich meinen Auftrag als Libelle nach bestem Wissen und Gewissen ausführen wollen. Ich habe eine Chance ergriffen, die verflogen wäre, wenn ich Ihren Befehl abgewartet hätte. Auch wenn dieser nur eine Sekunde später erfolgte.“ Sie sah dem Capitan fest in die Augen, um Selbstsicherheit auszustrahlen. Schwäche zu zeigen kam nicht infrage.

Vredek griff zu einem der Stifte und notierte etwas in der Akte. „Und wie bewerten Sie ihr Verhalten?“

Nun zuckte einer ihrer Mundwinkel doch nach oben. „Ich denke, dank meines couragierten Einsatzes konnte der Drache um einiges schneller zur Strecke gebracht werden. Er war kaum noch in der Lage sich zu wehren, als die Wespen ihren Angriff gestartet haben.“

Die Augenbrauen des Capitans hoben sich. Er blickte in die Akte und blätterte einen Moment darin. „Sie waren immer sehr ambitioniert, seit sie zu diesem Schwarm gehören. In weniger als zwei Jahren haben Sie sich von einem Privat zur Libelle im höchsten Rang hochgearbeitet. Eine beeindruckende Karriere.“

Adjines Brust hob sich.

Capitan Vredek schaute auf. „Ich weiß sie wollen noch weiter aufsteigen, aber vielleicht sind Sie dem Leistungsdruck, den Sie sich damit selbst auferlegen, nicht gewachsen.“

Adjine spürte, wie ihr das Blut vor Wut in den Kopf schoss. Sie biss sich auf die Zunge, um sich zur Ruhe zu ordern. „Sir, ich versichere Ihnen, dass ich dem Druck ebenso standhalten kann, wie meine männlichen Kollegen.“

Seine Miene blieb unbewegt.

„Und ich versichere Ihnen, Yangin, dass ihr Geschlecht in dieser Sache keine Rolle spielt.“ Er legte den Stift zur Seite und faltete die Hände. „Aber Sie scheinen über Ihren Ehrgeiz zu vergessen, wie ein Schwarm funktioniert.“

Adjines Kiefer zuckte, als sie Blut schmeckte.

„Sie liegen nicht im Wettstreit mit Ihren Kollegen. Wir alle arbeiten als Team. Allein hätte niemand, auch nicht der beste Wespen-Pilot, eine Chance. Deswegen schließen wir uns in Schwärme zusammen, um der Bedrohung Herr zu werden. Und wir alle müssen die Bedürfnisse des Schwarms über unsere eigenen stellen.“

Adjine rümpfte die Nase. „Und ich habe genau das getan.“ Ihr Tonfall war gereizt, das war nicht gut. Sie bohrte ihre Fingernägel in die Handfläche.

Der Capitan schüttelte den Kopf. Dabei setzte er eine beinahe mitleidige Miene auf.

In Adjines Magen brodelte es.

„Sie reden sich das vielleicht ein, aber in Wahrheit haben Sie nur ihre eigene Karriere im Kopf. Und egal, wie außergewöhnlich Ihre Leistungen sind, solange Sie kein Schwarmdenker sind, werden Sie nie eine Wespe fliegen.“

Adjine presste die Lippen fest aufeinander.

„Sie werden zwei Wochen Wachdienst im Wissenschaftstrakt schieben. Und sollten Sie in Zukunft weiterhin eigenmächtig Handeln, statt auf die Befehle ihrer Vorgesetzten zu hören, werden sie nicht mehr lange Teil des Schwarms bleiben.“

Ihr klappe der Kiefer herunter. „Aber… Sir!“

„Das ist mein letztes Wort, gehen Sie jetzt.“

Mit geballten Fäusten stand Adjine auf. Vredek sollte nicht sehen, dass ihre Finger zitterten. „Ja, Sir.“, presste sie hervor und die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.

Das Schlimmste war, dass es sich sofort herumsprach. Adjine wusste, dass der Capitan die Angelegenheit auf keinen Fall an die große Glocke gehängt hatte. Aber ihr Fehlen an diesem Tag und Getuschel von den Wachleuten, die sie am Vormittag in ihre neue Aufgabe einwiesen, waren genug, um die Botschaft zu verbreiten. Beim Mittagessen spürte Adjine die Blicke in ihrem Hinterkopf. Anders als sonst, versuchte sie das Geflüster, das ohne Zweifel ihr galt, zu ignorieren. In ihrem Gemütszustand hätte sie womöglich eher hysterisch, als überlegen gewirkt.

Nach dem Essen legte sie sich noch einmal hin, um für ihre erste Nachtschicht fit zu sein, doch der Schlaf blieb fern. Sie wälzte sich mit vor Wut pochendem Herzen hin und her.

Sie würde es diesen Idioten zeigen. Eines Tages würde sie eine Wespe sein und den Schwarm anführen. Dann würde niemand mehr dumme Sprüche klopfen.

Gerädert, aber pünktlich und mit einer Thermoskanne Kaffee, trat sie ihren Dienst an. Die ersten beiden Runden wurde sie von einem Privat begleitete. Er war recht freundlich und versuchte, sich mit ihr zu unterhalten, doch Adjine war nicht in der Stimmung und gab nur kurze, barsche Antworten, bis er es aufgab.

Immer, wenn sie an der schweren Metalltür zum Drachen-Labor vorbeikamen, warf sie verstohlene Blicke in den Gang, währen der Privat an selbigem vorbeihastete. Ihm war es nicht geheuer, seit gestern der Drache eingetroffen war, wie er Adjine plaudernd mitteilte.

Auf der dritten Runde war sie schließlich allein. Außer den kreisenden Gedanken begleiteten sie nur ihre Schritte, die von den metallenen Wänden widerhallten.

Nach zehn Minuten vermisste sie das Geplauder des Privat. Die Stille war inzwischen so erdrückend, dass sie die Lampen summen hörte und das Echo ihres Herzschlages ihr wie ein Geist durch die Flure folgte.

Die meisten Labore lagen hinter Glas. Die Wände und Böden waren weiß gefliest und das Licht spiegelte sich in blank geputzten Metalltischen und Glasbehältern in Vitrinen. Die Luft schmeckte scharf nach Desinfektionsmittel.

Sie versuchte, die Stille mit ihren Gedanken zu übertönen.

Eine Runde dauerte etwa eine halbe Stunde, also musste sie nur noch diese und fünf weitere überstehen, bevor die erste Schicht rum war. Dann hatte sie acht Stunden bis zur nächsten. Sie beschloss, sich für morgen eien Slot am Flugsimulator zu reservieren, um nicht aus der Übung zu kommen. Heute könnte sie ja ein paar Bahnen schwimmen, laufen oder Gewichte stemmen. Es war gut, sich auf etwas freuen zu können. Vielleicht würde einer ihrer Kollegen sie zum Schach herausfordern. Die Kerle konnten einfach nicht auf sich sitzen lassen, dass sie jedes Mal gewann.

Ganz in diesen Überlegungen versunken, bemerkte Adjine nicht, als sie in den Gang zum Drachen-Labor einbog. Perplex blieb sie stehen.

Das Bild der goldenen Augen, die mitleidig zu ihr hinaufblickten, kam ihr in den Sinn.

Wieder flammte Wut in ihr auf. Jetzt wurde sie schon von ihrer Beute bemitleidet. Dabei war sie es, die das Monstrum zur Strecke gebracht hatte! Es sollte sie fürchten!

Und der Capitan… Auch er zollte ihr keinen Respekt. Er hätte sie für ihren Mut befördern müssen, statt sie hier hinunter zu verbannen!

Mit energischen Schritten stapfte sie auf die Tür aus Stahl zu. Sie zückte die Zugangskarte, die ihr vor der Schicht ausgehändigt worden war, und hielt sie an den Scanner.

Mit einem Zischen löste sich die Verriegelung und die Tür glitt auf. Dahinter lag Dunkelheit, die im nächsten Moment von aufblitzenden Neonröhren verscheucht wurde.

Vor Zorn bebend, trat sie ein.

Ein schmaler Korridor öffnete sich nach rechts und links. Geradezu trennte eine durchsichtige Wand den Rest des Raumes ab. Es war ein quadratischer Bereich, dessen Seiten sicher sechzig, siebzig Meter maßen.

Darin lag der Drache. Er war zusammengerollt und weder sein Schweif, noch der Kopf waren zu sehen. Nur die weißen Schuppen bedeckten den Boden und hob und senkte sich mit dem Atem des Gefangenen.

Die Metalltür in Adjines Rücken schloss sich automatisch und mit dem Zischen, mit dem sie hermetischer versiegelt wurde, begann der weiße Körper vor ihr sich zu bewegen. Es sah aus, als würde ein Erdbeben durch ein Gebirge aus glitzerndem Stein jagen. Der Kopf des Tieres hob sich aus der Mitte und schwebte nahe an die Wand, die ihn von Adjine trennte.

Augen wie Sonnen bohrten sich in ihre. Sie hielt dem Blick stand. Furchtlos, wie sie meinte, auch wenn ihre zitternden Knie und das Pochen in ihrer Brust versuchten, sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Eines der Geweihe des Tieres war ein Stück kürzer als das andere. Adjine war fast sicher, dass sie vor seinem Absturz noch gleichlang gewesen waren.

Die Schnurrhaare, die über der Schnauze entsprangen, legten sich an die Scheibe und tasteten sie ab, wie Fühler.

Genau das waren sie, wie Adjine jetzt klar wurde.

Außerdem fiel ihr auf, dass die Mähne auch in dem windstillen Raum in Bewegung war. Sie schien zu schwimmen, als würden die Haare von einer sanften Strömung immer wieder auf und ab getrieben.

Das Tier legte den Kopf schief und musterte die Fliegerin von oben bis unten.

In den goldenen Augen lag weder die gewünschte Furcht noch Mitleid. Stattdessen war der Blick neugierig und gütig.

Adjine untersuchte das Labor. An den Enden des Ganges, in dem sie stand, waren die Zugänge zu den Arbeitsbereichen für die Wissenschaftler. Von den Wänden führten Ketten in das Gewirr des Leibes. An der Decke entdeckte sie hinter einer durchsichtigen Klappe mechanische Arme und Geräte, die wohl dafür gedacht waren, den Drachen zu fixeren und Proben zu nehmen.

Ihr wurde mulmig zumute. Das Gefühl des Triumphes, dass sie bei dem Anblick ihres besiegten Feindes erwartet hatte, stellte sich nicht ein.

Sie suchte wieder den Blick des Tieres und sein Kopf nährte sich der Scheibe noch ein Stück. Auch Adjine machte einen Schritt auf den Drachen zu und legte, einem Impuls folgend, eine Hand an das Glas.

Einer der Fühler bewegte sich auf die gleiche Höhe. Er pulsierte so stark, dass Adjine es durch das dicke Panzerglas spüren konnte.

„Du bist ein Weibchen.“, sagte sie, ohne zu wissen, woher sie diese Information genommen hatte.

Die Sonnenaugen schienen sich kurz zu verengen, als würde der Drache lächeln.

Adjine zog die Hand abrupt zurück und schüttelte den Kopf. „So ein Quatsch.“, ermahnte sie sich. „Du bist nichts weiter als ein Tier. Wild und gefährlich.“ Stolz hob sie die Brust. „Und nur dank mir, hat der Schwarm dich zur Strecke gebracht.“

Der Drache legte wieder den Kopf schief. Seine goldenen Augen bohrten sich tief in Adjine. So tief, dass ihr Herz sich zusammenzog.

„Sie ist nur ein Tier.“, wiederholte Adjine.

„Und wer bist du?“, fragte eine Stimme aus Regen.

Die Fliegerin wirbelte herum und ging in Kampfhaltung. „Wer ist da?!“

Amüsiertes Glucksen wie das Plätschern eines Bachs. „Es ist niemand außer uns beiden hier.“

Langsam drehte Adjine sich wieder zurück, wo die Sonnenaugen freundlich auf sie herabschauten.

„Das ist nicht möglich.“, wisperte sie.

Der Drachenkopf schwebte herab, bis er fast auf Augenhöhe mit ihr war. „Es ist so viel mehr möglich, als du glaubst, Adjine.“

Sie schluckte. „Woher kennst du meinen Namen?“

„Du hast dich mir vorgestellt.“, tröpfelte die körperlose Stimme. „So wie ich mich dir vorgestellt habe.“

Langsam löste sich die Anspannung aus Adjines Muskeln. „Wusste ich deshalb…“, stammelte sie, „…, dass du ein Weibchen bist?“

Der Drachenkopf hob sich und deutete ein Nicken an. Die Mähne folgte der Bewegung in einer gemächlichen Welle. „Ich habe keinen Namen, den ich dir nennen kann. Wir Drachen stellen uns vor, indem wir uns verraten, wer wir sind. Mein Geschlecht scheint für dich am prägnantesten gewesen zu sein.“ Die Mähne des Tieres schwamm um den Kopf herum, wie Seetang. „Ich habe dir noch mehr verraten, sowie du mir verraten hast, dass du stark bist und intelligent und dass du es verdient hast eine Wespe zu sein.“

Adjine klappte den Mund auf und wieder zu, ohne etwas zu sagen.

Der Drachenkopf legte sich auf dem schuppigen Körper ab. „Aber das alles sind nur Eigenschaften. Wer also bist du?“

„Ich…“, stotterte Adjine. Dann hob sie das Kinn. „Ich bin eine Fliegerin. Lieutenant der Drachenjäger. Schwarm 42-7. Die erste Frau in diesem Rang und schneller aufgestiegen als jeder andere junge Anwärter in diesem Schwarm.“

Die Drachenstimme gluckste. „Es ist wirklich interessant, womit ihr Menschen euch identifiziert. Geschlechter und Ränge, körperliche Eigenschaften.“ Die Sonnen blickten verträumt ins Leere. „Früher dachte ich, eure Namen sind das, was euch verkörpert. Erst später wurde mir klar, dass ihr sie schon bei der Geburt bekommt und meist selbst ihre Bedeutung nicht einmal kennt.“ Die Augen huschten zu Adjine zurück. „Nicht wahr, Glänzendes Feuer?“ Sie gluckerte heiter vor sich hin.

„Du hast mir auch nur dein Geschlecht verraten.“, beschwerte Adjine sich.

„Nein, es war nur ein kleiner Teil von dem, was ich dir gesagt habe.“, sie hob den Kopf und platzierte ihren Fühler erneut am Glas. „Versuchen wir es noch einmal.“

Zögerlich legte Adjine die Hand an die Scheibe. Das Pulsieren war wieder deutlich zu spüren. Es schien sich mit ihrem Herzschlag zu synchronisieren und strömte warm durch ihren Körper, als hätte es schon immer zu ihr gehört.

Ein Bild manifestierte sich in ihrem Geist. Das Bild von einer weiten Wasserfläche, über die in regelmäßigen Vibrationen sanfte Wellen fuhren. Eine Brise streichelte Adjines Gesicht und trug einen salzigen Geruch heran. In ihr wuchs das Bedürfnis, dieses Meer zu überwinden, um zu entdecken, was jenseits des Horizontes lag.

Sie öffnete die Augen und war wieder in dem sterilen Raum ohne jeden Luftzug. „Du bist… wie das Meer?“, fragte sie unsicher.

Die Mähne des Drachen schwamm in sanften Wellen. „Nicht wie.“

Adjine nickte. „Wie kannst du dich noch immer so frei fühlen, wo du doch eine Gefangene bist?“

„Nur mein Körper ist gefangen. Ich bin deswegen keine Andere geworden.“

„Aber du liegst in Ketten. Macht dich das nicht wütend? Willst du nicht für deine Freiheit kämpfen?“

„Ich habe letzte Nacht den Kampf gewählt und verloren. Ich sehe keinen Sinn darin, meinen Fehler zu wiederholen.“

Adjine zog die Augenbrauen zusammen. „Aber für seine Freiheit kämpfen, ist doch kein Fehler.“

„Manchmal ist es besser, sich in sein Schicksal zu ergeben, satt unnötig Leid auszulösen.“

Adjine verschränkte die Arme. „Dann hättest du uns vielleicht erst gar nicht angreifen und so deine Freiheit riskieren sollen.“

Für einen Moment schwieg der Drache. Als sie weitersprach, lag kein Zorn in der Regenstimme, nur Mitleid: „Ihr seid es, die Jagd auf uns machen.“

Adjine löste ihre Arme wieder und ballte die Finger zu Fäusten. „Wir kämpfen doch nur, weil ihr uns bedroht! Wir beschützen die Siedlungen, die von Drachen überfallen werden.“

Der Drachenkopf kam ganz nah heran. Adjine hätte schwören können den Atem des Tieres durch die Scheibe zu spüren. „Die Menschen haben uns Drachens schon immer gejagt, um sich zu beweisen. Wer sich früher nur mit Schwert und Schild einem Drachen entgegenstellte, war ein Held, ganz gleich ob er den Kampf gewann. Heute erzählt man euch, ihr würdet nur eure Art beschützen, dabei dringt ihr in unsere Gebiete ein und verfolgt uns, bis wir keine andere Wahl mehr haben, als euch zu bekämpfen. Aber ihr seid lieber die Helden, die eine Bedrohung bekämpfen, als die Verbrecher, die eine Art grundlos jagen, foltern und töten.“

Adjine schüttelte den Kopf, ohne den Blick von den Augen des Drachen zu lösen. „Das ist einfach nicht wahr!“

„Du selbst bist nur hergekommen, um dich in deinem Triumph zu sonnen. Du wolltest deinen geschlagenen Feind am Boden sehen.“

Adjine trat einen Schritt zurück.

„Auch das, hast du mir vorhin gezeigt.“, prasselte die Drachenstimme gegen die Scheibe.

„Aber ich wusste doch nicht, dass… ich meine, ich dachte Drachen seien wilde Tiere. Gefährlich, unberechenbar und mordlustig.“

„Solche Lügen glaubt ihr Menschen gern. Sie nehmen euch die Last ab euch mit den Dingen auseinanderzusetzen. Es ist eben einfacher die Welt in Schwarz und Weiß zu betrachten, als sich mit allen Facetten zu beschäftigen.“

„Das…!“, Adjines Finger wurden taub, als sie sie noch fester zusammenpresste. Die Sonnen fixierten sie und bohrten sich in ihr Herz. „Ihr könntet zurückschlagen. Wenn du dich mit anderen Drachen verbündest, haben die Schwärme kaum eine Chance und dann werden die Menschen bereit sein euch zuzuhören.“

„Nein, so wird es nicht kommen. Ihr würdet eure Schwärme vergrößert, eure Waffen verstärkt und zurückschlagen. Es wäre ein Kreislauf von Gewalt und Tod.“

Adjine richtete sich auf und hob die Brust. „Manchmal gibt es keinen anderen Weg und man muss für den Frieden kämpfen.“

Das glucksende Plätschern ertönte wieder. „Welch absurder Einfall, Frieden zu erlangen, indem man einen Krieg beginnt. Solche Ideen könnt nur ihr Menschen glauben.“ Sie wand den Blick ab und legte ihr Haupt mit einem tiefen Seufzen, das wie eine brechende Welle klang, auf ihrem Körper ab. „Ich sterbe lieber gefangen und in Frieden, als in einem blutigen Krieg zu leben.“

Adjine schüttelte halb entsetzt, halb wütend den Kopf. „Dann bist du vielleicht doch nicht so intelligent. Selbst Tiere kämpfen um ihr Revier und um ihr Überleben.“ Sie wand sich entschlossen ab und trampelte auf den Ausgang zu.

Bevor sie die Tür öffnete, hielt sie inne. Aus dem Augenwinkel schmulte sie in den Drachenkäfig. Das Tier darin hatte sich nicht gerührt. Die Sonnen blickten ins Leere, sahen dabei jedoch nicht verloren oder resignierend aus, sondern friedlich.

Adjine starrte die stählerne Tür an und lockerte schließlich die geballten Fäuste „Scheiße.“, murmelte sie. Dann drehte sie sich nach rechts und stapfte auf einen der abgetrennten Arbeitsbereiche zu. Ihre Zugangskarte funktionierte auch hier und sie trat ans Steuerpult für den Drachenkäfig.

„Das ist völlig bescheuert.“, brummte sie, während sie das Handbuch durchblätterte, dass neben dem Pult lag. „Sie werden mich rausschmeißen. Mindestens.“

„Dann tu es nicht.“, gluckerte der Drache belustigt. Sie hatte sofort verstanden, was Adjine vorhatte.

„Ich muss es tun.“, sagte diese.

„Zwänge sind nur eine Illusion der Menschen.“ Die Sonnen träumten immer noch vor sich hin.

„Nein, du verstehst es nur nicht.“

Jetzt fixierten die Augen Adjine neugierig.

„Es ist unrecht, was dir angetan wird, und ich kann mich nicht länger als Beschützer sehen, wenn ich denen, die Hilfe brauchen, eben dieser verweigere.“ Nach kurzem Überlegen schmunzelte sie. „Vielleicht geht es mir aber auch einfach nur darum, zu beweisen, dass du falsch liegst.“

Sie drückte einige Knöpfe und die Ketten sprangen auf. Klirrend fielen sie zu Boden, währen sich das Tor an der hinteren Wand, das für ein ungeübtes Auge kaum zu sehen war, öffnete.

„Erstaunlich wie schnell man diese Maschinen davon überzeugen kann, dass das Testobjekt tot ist und abtransportiert werden muss.“

Der Drache rührte sich nicht. Nur der Kopf hatte sich ein Stück gehoben und sich kurz nach der Tür umgesehen.

„Jetzt verschwinde schon!“

Sie legte den Kopf schief. „Womit liege ich falsch?“, fragte sie voller Neugierde.

Adjine seufzte. Sie richtete den Blick auf den Boden und dachte einen Augenblick lang nach. „Damit, dass alle Menschen sich vor der Wahrheit verschließen. Wir mögen sture Wesen sein, aber wir können uns ändern, wenn wir es wollen.“ Die Fliegerin hob den Kopf mit neuem Feuer im Herzen. „Wir brauchen nur jemanden, der uns die Augen öffnet.“

Anfangs hatte Adjine sich flach in die ruhelose Mähne gedrückt und sich krampfhaft an den Haaren festgehalten. Doch für den Drachen schienen die Gesetze der Physik nicht zu gelten. Egal wie rasant das Tier sich durch die Luft schlängelte, es zog keine Brise an Adjines Körper. In dem treibenden Tang herrschte beinahe Windstille. Nicht einmal ein Rauschen war zu hören, als würden sie über den Himmel treiben, wie durch einen Ozean.

Als sie die unterirdischen Gänge verließen, schoss der Drache im Neunzig-Grad-Winkel in die Höhe. Die Schwerkraft schien den Menschen auf dem Haupt völlig vergessen zu haben. Adjine saß gedankenverloren da und spielte mit den schwimmenden Haaren, während der Drache ein Glucksen von sich gab. Sie flog eine Schleife und sauste dann parallel zum Boden nach Osten.

„Ich muss zugeben, dass mir das gefehlt hat.“, plätscherte sie.

„Willst du das wirklich tun? Du riskierst deine wiedergewonnene Freiheit.“

„Und du dein Leben.“

Adjine nickte und fixierte die Türme, die sich vor ihnen in den Himmel schraubten.

„Da! Sie starten.“

Der Drache bremste schlagartig ab und sank federleicht zu Boden.

Adjine beobachtete unruhig, wie sich ein Schwarm aus schemenhaften Punkten am Horizont sammelte und schnell näherkam. „Vielleicht war das eine dumme Idee.“

„Wir können immer noch umkehren.“

Adjine lauschte. Vögel zwitscherten in den vereinzelten Bäumen. Die ersten Sonnenstrahlen schleppten sich über den Horizont und malten eine rosafarbene Linie, die den Himmel von der Erde trennte. Das Licht ergoss sich in die felsige Landschaft und der Geruch von Tau lag in der Luft.

„Nein. Ein Krieger sollte auch bereit sein eine Schlacht ohne Waffen zu schlagen.“ Sie stand auf und zog den zerschnittenen Kittel, den sie aus den Laboren stibitzt hatte, hervor. Dann befestigte sie das Stück Stoff an einer entwendeten Metallstange und hielt es in die Luft.

Der Drache kauerte am Boden, den Kopf nur leicht gehoben, während Adjine ihre Flagge schwang.

„Ich gebe zu, du hast mich überrascht.“, regnete die Drachenstimme.

„Na, da sind wir schon zu zweit.“, witzelte Adjine. Dann wurde sie ernst. „Egal, was passiert, ich bin froh, dich kennengelernt zu haben.“, sagte sie gedämpft.

Der Drache gurgelte. „Ich weiß jetzt, wer du bist.“

Das Knattern der Maschinen drang an Adjines Ohr.

„Du bist ein Fluss.“

Die Sonne brach über den Horizont und blendete die Fliegerin. Sie schloss die Augen und vor ihr erschien das Bild eines Baches, der aus einer Bergquelle sickerte. Zunächst war das Rinnsal schmal und schwach, doch es bahnte sich ungebrochen seinen Weg ins Tal, forderte sich den benötigten Platz ein und wuchs, bis es schließlich als kräftiger Fluss ins Meer mündete.

Adjine lächelte. Dann öffnete sie die Augen und blickte entschlossen den schwarzen Insekten entgegen, die sich vor dem Blick der Sonne abzeichneten.


© 2021 Lilli Schwarz | Alle Rechte vorbehalten

Cover von Ion Ceban auf Pexels | bearbeitet von Lilli Schwarz

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Bilder von Karolina Grabowska und Karolina Grabowska auf Pexels | bearbeitet von Lilli Schwarz

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