Die Nahaufnahme einer Seite Papier, die eng mit einer schwer leserlichen Handschrift bekritzelt ist.
Schreibtagebuch

Geschichten sind geduldig


Der Monat hat für mich etwas schleppend angefangen. Mir fehlte der Antrieb, ich habe wenig oder sogar gar nicht geschrieben und mich somit nur noch weiter demotiviert. Es ist beim Schreiben eben ein bisschen, wie beim Sport, umso mehr man Macht, umso motivierter ist man auch.

Und zum Glück kann ich sagen, dass ich eine solche Phase gerade erreicht habe. Es war in den letzten Tagen fast so, wie das erste Mal in Jesses Kurs. Ich konnte kaum schlafen, hatte keinen Appetit und wollte einfach nur schreiben. Ich bin eben wieder frisch verliebt in mein Projekt.

Da ich momentan Urlaub habe, bin ich zuversichtlich, dass ich die erste Überarbeitungsphase (Schritt 6) bald abschließen kann.

Form und Perspektive

 In den letzten zwei Wochen habe ich fast genauso viele Worte zu Papier gebracht, wie im ganzen Februar.

Das liegt unter anderem daran, dass ich eine Stelle in meinem Projekt erreicht habe, an der ich vom Ich-Erzähler in die dritte Person gewechselt habe und dementsprechende viele Szenen neu schrieben muss.

Man könnte jetzt meinen, kein Problem, werden halt der Namen und Pronomen durch ich/mir/mich ersetz und schon ist es erledigt. Aber so einfach ist es leider nicht.

Die Passagen sind viel oberflächlicher geschrieben, als die, in denen ich ganz in meiner Protagonistin stecke. Und ihre Sicht, ihre Art, die Dinge zu beschreiben, ist es ja, die mir so gut gefällt. Sie gibt der Geschichte ihre Seele.

Das war anfangs nicht so. Sie ging mir teilweise wirklich auf die Nerven. Aber nachdem sie in meinem Zweitentwurf eine Überarbeitung bekommen hat, ist sie mir ans Herz gewachsen.

Damals, während des Schreibkurses im letzten Jahr, hatte ich hingegen das Gefühl mich nicht mehr richtig in sie hineinversetzten zu können. Jeder geschrieben Satz klang in meinen Ohren gestelzt.

Ich hatte einfach zu viel Zeit mit ihr verbracht. Es ist mit Figuren in einer Geschichte eben so, wie auch mit echten Menschen. Egal, wie sehr man jemanden mag, irgendwann geht er einem auf die Nerven und man braucht eine Pause.

Und genau diese Pause empfahl auch Jesse mir. Sie meinte, ich solle erst einmal an etwas anderem, etwas Kleinerem arbeiten.

Hätte ich auf sie gehört, müsste ich mir jetzt vielleicht weniger Arbeit machen. Aber die Szenen, die ich in den letzten Tagen geschrieben habe, gefallen mir so gut, dass es mir schwerfällt, diese Entscheidung zu bereuen. Wer weiß schließlich, wie sie geworden wären, wenn ich sie zu einem anderen Zeitpunkt verfasst hätte.

Allerdings kann ich auch mein Gefühl von damals, nämlich, dass die Sätze in der Ich-Form unnatürlich wirken, nicht mehr nachvollziehen. Einige Szenen existieren in beiden Versionen und meist gefällt mir die Perspektive der Ich-Erzählerin besser.

Hier ein kurzer Einwurf zum technischen Begriff der Perspektive, da er sehr häufig falsch verwendet wird (und ich mal ein bisschen Klugscheißern will).

Das, was gemeinhin von Lesern als Perspektive bezeichnet wird (Ich-Perspektive, dritte Person, usw.), ist eigentlich die Erzählform.

Die Perspektive gibt an aus wessen Sicht die Geschichte erzählt wird. Dies kann z.B. innerhalb eines Romanes auch wechseln. Etwa wenn einzelne Kapitel aus Blickwinkeln verschiedener Figuren beschrieben werden.

Ebenso kann die Form sicher innerhalb einer Geschichte ändern (meist in Verbindung mit einem Perspektivwechsel), aber das kommt seltener vor.

Außerdem gibt es noch die Erzählhaltung, die bestimmt, wie „tief“ der Leser in der erzählenden Figur steckt und wie viel von ihrem Innenleben er mitbekommt.

Aber jetzt habe ich dich genug gelangweilt.

Manchmal ist es schwer, zu erkenne, welche Form für eine Geschichte am besten passt.

Den Erstentwurf schreibe ich in der Regel aus der Sicht eines Ich-Erzählers, weil es mir so leichter fällt, nicht aus der Rolle zu fallen. Ich habe aber auch schon Texte nachträglich in die dritte Person umgeschrieben, wenn ich diese für passender hielt. 

Dabei gehe ich hauptsächlich nach meinem Gefühl. Meist klingt eine der beiden Versionen sehr viel authentischer und das ist dann eben die richtige Form.

Was die Perspektive angeht, habe ich oft, schon bevor ich mit dem Schreiben beginne, eine ungefähre Vorstellung. Allerdings entwickeln sich meine Figuren häufig erst im Laufe des Prozesses. Ich spreche also anfangs mit der Stimme von jemandem, den ich noch gar nicht richtig kenne.

Hast und Träumerei

Diese Problematik ist bei Wiedergeburt nur momentan ein Thema. Mir war eigentlich schon beim Schreiben klar, dass die dritte Person absolut unpassend für die Geschichte ist.

Aber damals wollte ich nur mit allen Mitteln vorankommen und schnell fertig werden. Vielleicht hatte ich Angst, dass mein Zweitentwurf mich ansonsten noch einmal zehn Jahre gekostet hätte.

Leider merkt man dem Text die Hast an verschiedenen Stellen an. Informationen sind zu geballt, die Figuren bauen zu schnell eine Beziehung zueinander auf. Alles wirkte eben irgendwie gehetzt.

Also heißt es wieder einmal neu schreiben, Szenen einfügen, Informationen verschieben. Alles etwas lockern. Etwas geduldiger sein.

Ich denke die Geduld, ist eine der wichtigsten Tugenden beim Schreiben.

Man muss Geduld mit sich selbst haben, mit den Texten, mit der eigenen Motivation, mit dem inneren Lektor. Man muss manchmal die Geduld aufbringen und zwei Stunden nach dem passenden Namen für eine Figur suchen. Oder auch nur nach der richtigen Bezeichnung für eine Pflanze.

Und manchmal sollte man geduldig sein, wenn einem die eigene Geschichte gerade nicht so liegt und erst einmal etwas anderes machen.

Das ist zumindest die Lektion, die ich aus der Sache mitnehme. Ob ich mich beim nächsten Mal daran halte, ist eine andere Frage.

Mir fällt es schon momentan wieder schwer, geduldig zu sein. Ich linse auf die vor mir liegenden Kapitel und freue mich auf Szenen, die ich wohl frühestens in ein paar Tagen bearbeiten kann.

Wenn ich könnte, würde ich rund um die Uhr schreiben. Aber das wird schon allein körperlich schwierig.

Und nicht nur, was die Überarbeitung angeht, hängt mein Kopf allzu oft in der Zukunft. Ich träume schon jetzt von einer Zeit, in der meine Texte gelesen werden. In der sich vielleicht eine kleine Community aufgebaut hat, die sich für das, was ich tue so interessieren, dass sie tatsächlich Geld bezahlt, um den Schwachsinn, den ich hier gerade in meinem Tagebuch verzapfe zu lesen. In der ich mich mit ihnen austauschen kann, sie inspiriere und sie mich ihrerseits beflügeln.

Doch diese Zeit, wenn sie denn kommt, liegt eben noch in der Zukunft. Und ich sitze leider in der Gegenwart fest und muss geduldig sein.

Geduldig, wie meine Texte, die darauf warten geschrieben, überarbeitet, veröffentlicht oder gelesen zu werden.

Trotzdem motiviert mich mein Traum von der Zukunft. Und alles, was motiviert, ist erlaubt.

Niemand hat das Recht, mir zu sagen, dass meine Träume nicht wahr werden können.


© 2021 Lilli Schwarz | Alle Rechte vorbehalten

Cover von Erdenebayar Bayansan auf Pixabay | bearbeitet von Lilli Schwarz

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