Die Nahaufnahme einer Seite Papier, die eng mit einer schwer leserlichen Handschrift bekritzelt ist.
Schreibtagebuch

Stetige Veränderung


Eine steile Brise weht mir um die Nase. Sie wirbelt meine Haare durcheinander.

Fünf Schichten habe ich angezogen, um mich vor dem erbarmungslosen Wind zu schützen, zuoberst eine dicke Windjacke. Doch ich friere trotzdem.

Und zugleich spüre ich die brennende Sonne auf meiner Haut. Sie frisst sich durch die vielen Stoffschichten, als wäre es nichts. Meine geröteten Wangen und Nase sind Beweis genug, wie stark die Strahlung hier ist. Dabei habe ich nur ein einziges Mal vergessen mich einzucremen.

Doch das ist mir jetzt egal. Es ist mir auch egal, dass mir gleichzeitig heiß und kalt ist.

Ich bin an der Nordsee. Sitze auf dem grünen Deich, umgeben von grasenden Schafen, und blicke auf das Watt, dass langsam, aber stetig wieder vom Wasser zurückerobert wird.

Noch vor einer halben Stunde war ich dort unten und bin barfuß durch den Schlick gelaufen. Bin bis zu den Knöcheln in den Matsch eingesunken und auf feuchtem Seegras gewandelt.

Jetzt sitze ich am Festland und beobachte die anrückende Flut. Man erkennt kaum, wie sie näher kommt, zumindest nicht, wenn man nur den Meeresrand beobachtet. Doch das Wasser schneidet immer wieder Teile des Watts vom Rest ab. Diesen Sandbänken schrumpfen dann mit jeder Minute sichtbar. Als würde das Meer sie nach und nach fressen und verdauen.

Ich kann mir bei diesem Anblick gut vorstellen, wie gefährlich es ist, ohne Orientierung mitten im Watt zu stehen. Man mag zu Fuß zwar schneller sein als das Wasser, aber es kennt einige Abkürzungen, mit denen es einem den Weg abschneiden kann. Und dann ist man verloren.

Vielleicht sind es diese Gedanken, die mich zögern lassen. Denn eigentlich will ich dort runter. Eigentlich will ich an den Rand des Wassers treten und zusehen, wie es auf mich zufließt, wie es meine Füße umschließt.

Als es fast die Grenze erreicht hat, an der kein Seegras mehr wächst, traue ich mich endlich und steige die steinernen Stufen, die in die felsige Küste eingelassen sind, hinab.

Bedächtig nähre ich mich der Naturgewalt und folge dabei meinen eigenen Spuren, die ich zuvor hinterlassen habe. Das Watt ist warm und ich konzentriere mich auf das weiche, feuchte Gefühl, dass es zwischen meinen Zehen hinterlässt.

Das Meer ist nur noch Zentimeter entfernt, als ich innehalte. Ich blicke hinaus auf die weite Wasserfläche, drehe mich um, sehe die Küste hinter mir und es fühlt sich an, als befände ich inmitten von zwei Welten. Als würde ich einer höheren Macht gegenüberstehen.

Ich fühle mich klein und unbedeutend, aber dieses Gefühl erschüttert mich nicht. Im Gegenteil. Es ist beruhigend zu wissen, dass das Watt, das Meer, die Gezeiten, dass sie schon da waren, bevor es mich gab und dass sie noch Jahrtausende überdauern werden, wenn ich lange nicht mehr bin.

Mit einem Lächeln auf den Lippen tauche ich meine Zehen in das heranrückende Meer. Hier kann ich seine Bewegung sehen. Kann tatsächlich zusehen, wie es auf mich zukriecht.

Das Wasser ist angenehm kühl, aber nicht kalt.

Ich gehe langsam mit ihm mit aufs Land zu. Immer an der Grenze zwischen Watt und Meer und atme dabei ihren Duft ein, der sich mit dem Schafsdung von der Küste mischt und einen völlig neuen, herben Geruch erschafft.

Der Geruch der Nordsee.

Innehalten

Diese Momente, in denen man aus der Welt heraustritt und sie wie ein Unbeteiligter beobachtete, das sind die Momente, die mich zur Schriftstellerin machen. Darin finde ich meine Inspiration.

In letzter Zeit fällt mir das immer schwerer. Ich hetzte durch den grauen Alltag und bin blind geworden für die Magie, die um mich herum geschieht. Mir ging die Energie aus.

Diese Reise ans Meer sollte die Tanks wieder auffüllen, sollte mir die Last von den Schultern nehmen. Ich brauchte eine Flucht. Eine Flucht vor allem, selbst vor meinem eigenen Zufluchtsort, dem Schreiben.

Und nun bin ich zurück und die Last ist wieder da. Die kurze Atempause, die ich mir selbst gegönnt habe, hat sie nicht leichter gemacht.

Ich bin einem Irrtum auferlegen. Einem Irrtum, der unsere Gesellschaft beherrscht: Nämlich, dass es reicht den Stress zwischendurch einfach wegzuschieben und ihn für die begrenzte Zeit von ein, zwei oder auch drei Wochen zu vergessen. Danach kann man wieder mitten hineinspringen. So funktioniert diese Welt nun einmal und wenn dir das zu viel ist, dann stimmt mit dir etwas nicht.

Aber warum eigentlich? Warum muss ich mich an ein System anpassen, das mir offensichtlich nicht guttut? Das mich krank macht?

Und ich selbst lasse das zu. Ich habe mir Ziele gesteckt, die ich nicht einhalten kann und viel zu lange meine Überforderung als temporäres Problem abgetan, mir eingeredet irgendwann würde das alles schon entspannter werden.

Dabei muss ich mir schlicht eingestehen, dass ein Monat nicht genug Zeit ist, um die Rohfassung einer Geschichte zu produzieren, diese dann noch komplett zu überarbeiten und veröffentlichungsfertig zu bekommen. Vielleicht mit etwas mehr Motivation und Disziplin auf meiner Seite, aber besonders Ersteres kommt und geht leider häufig, ohne dass ich es beeinflussen kann. Und der zusätzliche Druck, den ich mir durch den festen Veröffentlichungstermin mache, macht es mir nur umso schwerer.

Das Problem wird sich also, wie die meisten, nicht von allein lösen. Nein, viel mehr muss ich eingreifen und mein System so verändern, dass es zu mir passt, statt zu versuchen mich selbst zu optimieren.

Qualität vor Quantität

Ja, ja ich weiß. Meine bisherigen Einträge drehten sich hauptsächlich darum, dass man beim Schreiben vor allem die Quanti- und nicht die Qualität im Auge behalten sollte. Aber wer genau aufgepasst hat, erinnert sich vielleicht, dass das nur für den Erstentwurf gilt. Bei der Überarbeitung steht natürlich wieder die Qualität im Vordergrund. Und so werde ich die Wertung ab sofort auch auf meiner Webseite handhaben.

Ich möchte mich nicht zwingen, eine Geschichte hochzuladen, mit der ich noch nicht zufrieden bin, nur weil der Fünfzehnte vor der Tür steht. Das heißt, ich werde ab jetzt weniger regelmäßig veröffentlichen und mir dafür mehr Zeit für die Überarbeitung und die Auswahl der Texte nehmen.

Außerdem denke ich darüber nach, mein Patreon-Modell anzupassen und dieses Tagebuch frei zugänglich zu machen. Was bringt es, meine Erfahrungen zu teilen, wenn sie hinter der Paywall niemand sieht?

Ich möchte schließlich andere Schriftsteller inspirieren und ihnen zeigen, dass sie mit ihren Sorgen und Ängsten nicht allein sind.


© 2021 Lilli Schwarz | Alle Rechte vorbehalten

Cover von Erdenebayar Bayansan auf Pixabay | bearbeitet von Lilli Schwarz

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Bilder von Karolina Grabowska und Karolina Grabowska auf Pexels | bearbeitet von Lilli Schwarz

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